Medienwissenschaftlerin fordert mehr Medienkompetenz an Schulen - Maya Götz im Gespräch mit Korbinian Frenzel
Millionen Deutsche werden am Abend das Finale der TV-Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" verfolgen, darunter viele Kinder und Jugendliche. Auch Lehrer sollten einschalten, meint die Medienwissenschaftlerin Maya Götz - und ihren Schülern eine kritische Haltung vermitteln.
Korbinian Frenzel: Und in gewisser Weise bleiben wir beim Thema, beim Berühmtsein, beim schwierigen Weg dorthin. Da gibt es seit einigen Jahren eine Entwicklung, die eigentlich wunderbar dem Gleichheitsgedanken verschrieben ist: Castingshows. "Germany's next Top Model" zum Beispiel oder natürlich auch die Mutter aller dieser Shows: "Deutschland sucht den Superstar":
Frenzel: DSDS, "Deutschland sucht den Superstar", wird heute zehn Jahre alt, oder genauer gesagt, heute Abend ist der Abschluss der zehnten Staffel. Darüber könnten wir jetzt einfach einen Gülleeimer der Kulturkritik kippen oder aber mal vernünftig drüber reden. Und das tun wir mit Maya Götz, sie ist Leiterin des internationalen Zentralinstitutes für das Jugend- und Bildungsfernsehen in München. Guten Morgen!
Maya Götz: Guten Morgen!
Frenzel: Jugend- und Bildungsfernsehen, Frau Götz, da fange ich mal beim Namen Ihres Instituts an, das klingt für mich so ungefähr nach dem exakten Gegenteil von "Deutschland sucht den Superstar" - oder tue ich Ihnen oder vielleicht sogar Herrn Bohlen damit jetzt Unrecht?
Götz: Also nach wie vor haben Castingshows, insbesondere "Deutschland sucht den Superstar", wirklich Höchstquoten bei Jugendlichen. Also insofern, es ist jugendrelevantes Programm.
Frenzel: Ist es auch Bildungsfernsehen?
Götz: Interessanterweise nutzen die das durchaus für Bildungsprozesse, auch wenn uns das vielleicht nicht so gut gefällt?
Frenzel: Was lernt man denn durch diese Shows?
Götz: Für Jugendliche ist es oftmals so eine Orientierung, wie komme ich dahin, zu einem statushohen Beruf, wie muss ich mich verhalten, wie muss ich mich anpassen, eben zum Beispiel Kritik ertragen, Anstrengen für sein Ziel, niemals gegen Herrn Bohlen sprechen ...
Frenzel: Sie haben das ja erforscht. Sie erforschen ausführlich, was diese Shows, diese Castingshows mit Kindern und Jugendlichen machen. Was ist denn da eines der Ergebnisse, auch gerade mit Blick auf Berufswunsch, Sie haben es gerade kurz angesprochen. Wollen jetzt alle Stars werden?
Götz: Zum einen ist es etwas, was heißt es, bedeutsam und wichtig in unserer Gesellschaft zu sein. Und da ist schon das Bild, man muss auf einer Bühne stehen, man muss bekannt sein. Das ist etwas, was wertvoll ist. Oder aber, um jetzt mal wegzukommen von "Deutschland sucht den Superstar", man muss zum Beispiel Topmodel sein. Also überhaupt Model zu sein, als einen der zentralen Berufswünsche, das ist etwas, was wir früher so, in dieser Form nicht hatten.
Frenzel: Es ist ja immer ein Wettbewerb, der da stattfindet. Ist das etwas, was die Kinder und Jugendlichen da auch insgesamt in den Gedanken treibt, alles ist immer ein Wettbewerb in dieser Welt?
Götz: Also, es hat vor allen Dingen zwei Momente. Das eine ist ein Wettbewerb, also ich muss ein Stück weit zwar so tun, als wenn ich mit den anderen zusammenarbeite, und wenn ich sie auch eigentlich wirklich mag, aber ich muss mich einzeln durchsetzen.
Und das ist eigentlich ein Bild vom Arbeitsleben, von zufriedenem Arbeitsleben, was wir so in unserer Gesellschaft Gott sei Dank nicht mehr haben. Also, wenn man zufrieden mit seiner Arbeit ist, arbeitet man sehr viel besser im Team zusammen.
Und zum anderen erweckt es den Eindruck, man müsse sich komplett anpassen. Also alles tun für den Kunden. Sich nach einem Juror richten, nach seinem Chef richten. Und gerade, was ja Kreativitätsstudien zeigen, ist, dass gerade, wenn ich ganz viel mich auch anpasse, aber im richtigen Augenblick einfach sage, nee, das will ich nicht machen, das ist genau das, was so eine Firma auch vorantreibt.
Frenzel: Obwohl, wenn wir mal auf die Schule gucken, also den Raum, die Lebensrealität der meisten Zuschauer, über die wir jetzt gerade reden, dann ist es da ja eigentlich auch so. Da muss man sich ja auch anpassen. Da muss man erstens beste Leistungen bringen, nach Möglichkeit der Klassenbeste sein, und andererseits wird es ja auch nicht besonders gut geheißen, wenn man sagt, Nein, da mach ich jetzt nicht mit, lieber Herr Lehrer.
Götz: Absolut. Deswegen ist es ja etwas, was sie kennen, was aber genau ja die Chance des weiteren Lebens ist, dass es Gott sei Dank im Rest des Lebens eben schon ein bisschen ausdifferenzierter ist, dass ein glückliches Leben nicht unbedingt nur was mit Anpassung zu tun hat.
Frenzel: Sie schreiben in Ihrer Studie, dass vor allem Kinder aus bildungsferneren Schichten diese Sendungen angucken. Wenn man das jetzt mal positiv dreht: Sie kriegen doch da in der Tat eine ganz schöne, eine hoffnungsvolle Erzählung. Jeder kann es schaffen. Jeder hat eine Chance, ungeachtet seiner Herkunft, oder?
Götz: Das ist genau das, was sie darin auch finden, also zum Beispiel, wir haben im sonstigen Fernsehen kaum erfolgreiche Menschen mit Migrationshintergrund - also einige Kommissare mal ausgenommen. Das heißt, hier ein Bild, ich schaffe es, egal wo ich herkomme. Und weil ich eigen bin.
Scheinbar wird jeder ein Star, rein faktisch wissen wir aber, "Deutschland sucht den Superstar" sucht nicht den Superstar, sondern es will eine interessante Sendung machen. Und es ist natürlich auch im Prinzip eine falsche Hoffnung. Weil letztendlich werden ganz andere Dinge entscheidend sein für das, was ein zukünftiges Leben ausmacht.
Frenzel: Sie haben sich ja auch die Gruppe genauer angesehen, die es geschafft hat, die teilgenommen hat. "Sprungbrett oder Krise", so haben Sie das in der Studie betitelt - was ist es denn am Ende häufiger, Sprungbrett oder Krise?
Götz: Also im Prinzip so die Hälfte derjenigen, die wir befragt haben, die geht aus dem ganzen Erlebnis heraus und sagt, das ist etwas, an dem ich gewachsen bin. Ob es nun wirklich ein Sprungbrett ins professionelle Sein als Musiker oder Musikerin ist, ist noch eine ganz andere Frage.
Aber wir haben eben auch die, die da rausgehen und sagen, ich bin hier wirklich über den Tisch gezogen worden, oder: Ich komme hier in eine kleine Krise, oder sogar auch, ich bin wirklich nach Jahren noch in einer Krise drin.
Frenzel: Wenn wir noch mal den Umgang mit diesen Shows angucken, die ja unglaublich erfolgreich sind bei Kindern und Jugendlichen, was die Zuschauerzahl angeht - was kann man denn tun, damit Kinder und Jugendliche diese Shows so gucken, wie man sie am besten gucken soll, also mit allen kritischen Hinterfragungen?
Götz: Es geht vor allen Dingen darum, einfach selber auch immer wieder eine kritische Haltung zu haben. Das heißt nicht, dass sie verdorben werden sollen. Es macht ja einfach auch Spaß, und die Jugendlichen ziehen sich auch ganz wieder raus. Aber zu sehen, dass das nicht die Realität ist, zum Beispiel wahrzunehmen, dass, wenn jemand vorgestellt wird, werden nur bestimmte Eigenschaften in den Vordergrund gestellt.
Oder aber es wird ganz oft ein Ton daruntergelegt. Also zu sehen, was bedeutet diese Musik, was sagt diese Musik aus, was sagt diese Aussage aus. Und immer zu wissen, es ist nicht die Realität, es ist nur ein Bild von Realität.
Frenzel: Und wer kann das leisten, wo kann man das hinkriegen?
Götz: Das fängt schon beim ganz normalen Gucken an, also auch als Erwachsener sich nicht drauf einzulassen und einfach dort mitzumachen, sondern immer wieder auch einen kleinen Moment mal zu sagen, na, wird der jetzt rausgeschmissen, der wird so oft thematisiert, so oft wird gesagt, der leistet nicht genug, dann wird er wohl rausfliegen heute.
Also das sind so bestimmte Mechanismen, die immer wieder vorkommen. Oder aber, ah, jetzt ist es wieder gemacht, jetzt sollen wir wieder alle gegen Herrn Bohlen gehen. Also auch das ist in der Show angelegt. Und natürlich geht es um Medienkompetenzförderung. Und da ist vor allen Dingen auch die Schule aufgerufen.
Frenzel: Medienkompetenz, diese Forderung ist, glaube ich, so alt wie das Fernsehen. Warum ist das denn so schwierig? Wollen wir uns vielleicht einfach einlullen lassen, wollen wir diese Kompetenz einfach vielleicht zurückstellen?
Götz: Einmal muss man natürlich ganz klar sagen, Schulalltag heute ist unheimlich vollgepfropft schon von allen möglichen Anforderungen. Da braucht es, wenn, wirklich gutes Material, was eben auch nicht zu viel Anspruch erhebt, also nicht immer gleich den eigenen Videofilm zu machen mit der ganzen Klasse, das ist unheimlich aufwendig, sondern etwas kleineres Material.
Und wir müssen ganz klar sehen, Lehrerinnen und Lehrer sind sehr oft sehr kritisch gegenüber dem Fernsehen eingestellt, das heißt, es fällt ihnen auch schwer, sich überhaupt auf die Genres einzulassen, die Kinder und Jugendliche gucken, und dann auch deren Perspektive ernst zu nehmen.
Denn die wollen ja "Deutschland sucht den Superstar" angucken. Die lieben das. Das heißt, ich kann ihnen das nicht wegnehmen. Ich muss von dort ausgehen, und das fällt so manchem nicht ganz einfach.
Frenzel: Das heißt, Sie empfehlen den Lehrerinnen und Lehrern in Deutschland, heute sich auch mal vor den Fernseher zu setzen?
Götz: Auf jeden Fall gehört das mit dazu. Man muss einfach wissen, was ist das, was meine Zielgruppe, mit der ich professionell arbeite, was die guckt, wo deren Ziele sind, worüber die reden. Das gehört auf jeden Fall zu einer professionellen Haltung dazu.
Frenzel: Maya Götz, ich danke Ihnen ganz herzlich für das Gespräch!
Götz: Sehr gerne!
Frenzel: Zehn Jahre "Deutschland sucht den Superstar". Diesen Geburtstag gibt es heute Abend zu sehen in einem Sender, für den Sie übrigens keine Gebühren zahlen. Tja, da sehen Sie mal, was Sie kriegen: Hier kriegen Sie Deutschlandradio Kultur.
----------------------------
Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
Deutschlandradio 11.05.201