Österreich: Rotraud A. Perner: Die Schule 2010

Macht die Lehre in der Schule den Lehrern Spaß? In ihrer Kolumne schreibt Rotraud A. Perner von den Erfahrungen, die Lehrer in den Schulen von heute gemacht haben.

Empirische Studie soll zeigen, wie sich das Verhalten der Lehrer geändert hat.

Stressbelastung von Lehrkräften

Während in der hohen Politik Lust- und Frustvisionen zur so genannten Gesamtschule diskutiert werden, forsche ich, das ist mein Institut für Stressprophylaxe und Salutogenese (ISS), ein Kooperationsprojekt der Niederösterreichischen Landesakademie, mit meinen MitarbeiterInnen zum Thema Stressbelastung von Lehrkräften.

Konkret erheben wir in einer empirischen Studie, wie LehrerInnen die Veränderungen im Verhalten von Eltern, Lehrern und ihren eigenen Reaktionen darauf einschätzen und wie weit sie sich gut darauf vorbereitet fühlen.

Die bisherigen Ergebnisse der Fragebogenerhebung ebenso wie der persönlichen Gespräche, die ich in Seminarform durchführe und evaluiere, zeigen einen deutlichen Unterschied zwischen den Pflichtschulen gegenüber den Allgemeinbildenden Höheren Schulen.
Kinder haben Aufmerksamkeit verloren
Früher, sagen mir die Volks- und HauptschullehrerInnen übereinstimmend, gab es schon mal ein, vielleicht auch zwei verhaltensauffällige Kinder in der Klasse. Heute sind es die Hälfte oder gar zwei Drittel, und wenn man die Eltern kennt, wundert einen ihr Verhalten nicht.
Und: Die Kinder kommen in die Schule und wollen reden. Sie haben Bedarf nach Wahrgenommenwerden, Zuwendung, Begleitung. Eigentlich müssten sie jemand "1 zu 1" haben, der mit ihnen durchspricht, was ihnen so alles durch den Kopf geht, dann erst sind sie in der Lage, einem Unterricht zu folgen.
Sie können auch gar nicht mehr zuhören, erfahre ich, als LehrerIn sei man immer wieder damit konfrontiert, dass ihre Aufmerksamkeit nicht einmal für geringste Geduldübungen ausreicht.
Kinder werden mit Reizen überflutet
Joachim Bauer, Medizinprofessor und Psychotherapeut, habilitiert sowohl für Innere Medizin wie für Psychiatrie und Leiter der Ambulanz an der Abteilung für Psychosomatische Medizin der Uniklinik Freiburg, sagte im vergangenen März anlässlich eines Vortrags, zu dem ihn ein Mödlinger Elternverein eingeladen hatte, ihn wundere das so genannte Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) bei Kindern gar nicht.
Sie würden mit Reizen, vor allem audiovisuellen, derart überflutet, dass sie nur mehr in dem Beschallungsrhythmus mitzappeln könnten.
Tai Chi statt Schulgebet?
Analog dazu höre ich auf von den Lehrkräften Klagen über allgegenwärtigen Lärm. So sagte mir vorige Woche eine Musiklehrerin im Rahmen eines meiner Forschungsseminare an einer Hauptschule Im Mostviertel, vieles, was willkommenes Standardrepertoire ihres Unterrichts war, könne sie heute nicht mehr anbieten. Die Jungen könnten überhaupt nicht mehr hören, eigentlich müsste man zuerst Stille anbieten, oder, alternativ, genau so den Kasperl machen in der Hoffnung, damit quasi "homöopathisch" (= Gleiches heilt Gleiches) in Gleichklang zu kommen Also vielleicht tägliche Meditation zu Schulbeginn? Tai Chi statt (dem seinerzeitigen) Schulgebet?
Frage nach der Motivation
"Verhaltenoriginelle" SchülerInnen brauchen wohl ebenso verhaltensoriginelle LehrerInnen. Aber dürfen diese derart experimentieren? Joachim Bauer meint in seinem neuen Buch "Lob der Schule": "Das neuerdings gesungene 'Lob der Disziplin' wird unseren Schulen nicht weiterhelfen", denn "Wer nur nach mehr Disziplin ruft, beschäftigt sich mit den Symptomen ohne zum Kern des Problems vorzudringen und das sei heute die Frage nach der Motivation für SchülerInnen wie auch für LehrerInnen."
Es braucht Begeisterung
Ich füge hinzu: Um nämlich nicht ins Burn Out zu stürzen – und diese Gefahr droht beiden Gruppen! – braucht es Begeisterung, und da steckt der Begriff Geist drinnen. In meinem Buch "Schaff’ dir einen Friedensgeist" – leider vergriffen – habe ich formuliert: Den Kampfgeist haben wir ja in unserem genetischen Überlebensprogramm, einen Friedensgeist müssen wir uns erst erarbeiten. Für die Schule würde ich diesen Hinweis umändern in: Der Geist der Pflicht wirkt in der Schule traditionell, ein Geist der Lust muss tagtäglich neu erarbeitet werden.
Rotraud A. Perner ist als Psychoanalytikerin, Juristin und Supervisorin tätig.
Wien.orf.at 30.04.07