In Deutschland fehlen 20.000 Lehrer, pro Woche fallen eine Million Stunden aus. Die Bundesländer überbieten sich mit bizarren Rekrutierungsversuchen. - Von J. Bönisch

Thorsten Schulz (Name von der Redaktion geändert) ist sauer. Während er sich im Studium durch zahllose Altgriechisch-Vorlesungen quälen musste, um sein Graecum zu bestehen, kann sein Kollege - Lateinlehrer wie er - noch nicht mal einen simplen Satz übersetzen.

Und nicht nur, weil er das Graecum in der Tasche hat, fühlt er sich besser qualifiziert. "Auch mein Latein ist wesentlich besser. Kein Wunder: Schließlich habe ich ein abgeschlossenes Latein-Studium. Eine billige Zusatzqualifikation ist damit einfach nicht zu vergleichen."


Sein Kollege musste nämlich lediglich eine Nachqualifizierung erwerben: Dafür besuchte er für 180 Stunden einen Zusatzkurs, an dessen Ende die unbefristete Lehrerlaubnis stand. Eine Abschlussprüfung war nicht vorgesehen. "Wenn man sich das genau überlegt, ist das ein Witz", sagt Thorsten Schulz. "Und meine Schüler aus der Oberstufe sind nicht auf den Kopf gefallen. Die merken, wenn sich ein Lehrer nicht sicher ist und das Fach nicht richtig be­herrscht. Solche Experimente können nur schiefgehen."

Kreative Lösung

In Nordrhein-Westfalen herrscht Lehrermangel, so wie in der ganzen Republik. Das Fach Latein ist besonders unterbesetzt, deshalb hat man sich in Düsseldorf bei der Problemlösung kreativ gezeigt: Schulen der Sekundarstufe I und II sowie Berufsschulen dürfen nun auch Stellen mit Lehrern besetzen, die nicht über ein abgeschlossenes Studium im gesuchten Unterrichtsfach verfügen.

So frustriert wie Thorsten Schulz sind in Nordrhein-Westfalen viele Lateinlehrer. Doch die Maßnahme ist aus der schieren Not geboren: Lehrer sind im ganzen Land Mangelware. In Deutschland fehlen derzeit etwa 20.000 Pädagogen, der Unterrichtsausfall summiert sich auf eine Million Unterrichtsstunden - pro Woche.

Glaubt man den Lehrerverbänden, ist das noch harmlos gegenüber dem, was den Schulen in den kommenden 15 Jahren droht. Von den rund 800.000 Lehrern sind die Hälfte 50 Jahre und älter und scheiden in absehbarer Zeit aus dem Schuldienst aus. Und längst nicht alle Stellen werden wieder besetzt. So wird sich die Zahl der fehlenden Pädagogen auf 140.000 erhöhen.

Unterstützung von Ein-Euro-Jobbern

Die Bundesländer reagieren, als seien sie von der Entwicklung völlig überrascht worden. Statt durchdachter Einstellungspolitik verfallen sie in blinden Aktionismus. Neben Pensionären unter­richten an Gymnasien auch Grundschullehrer und ältere Schüler, Fachfremde wie Juris­ten oder Steuerberater betreuen die Kinder, dazu werden Klassen vergrößert, Unter­richts­zeiten einer Jahrgangsstufe verkürzt und die Unterrichtspflicht der Lehrer verlängert.

Manche Maßnahmen gegen den Lehrermangel muten so bizarr an, dass Eltern sie kaum glau­ben mögen. So wirbt Bremerhaven Lehrer aus der polnischen Partnerstadt Stettin an, wo sich die Schulen bereits beschweren, dass ihr junges, gut ausgebildetes Personal abwandert. In Berlin werden Lehrer durch Ein-Euro-Jobber unterstützt. Und in Bayern können laut neuer Prüfungsordnung künftig auch Kandidaten in den Schuldienst aufgenommen werden, die das Fach Erziehungswissenschaften im ersten Staatsexamen mit einer Fünf abgeschlossen haben.

Mit Zeitungsannoncen auf Lehrerfang

Die Lehrer selbst sind in der Zwickmühle: "Auf der einen Seite heißen wir so etwas natürlich überhaupt nicht gut", sagt Marianne Demmer, Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW. "Auf der anderen Seite muss der Unterricht schließlich aufrechterhalten werden - und es ist den Kollegen nicht zuzumuten, Klassen mit 40 Schülern zu unterrichten." Darüber hinaus benötige selbstverständlich jeder Seiteneinsteiger eine pädagogische Zusatzqualifikation.

Da­zu werben sich die Bundesländer die begehrten Pädagogen gegenseitig ab. Hessen etwa stellt Werbeplakate vor den Universitäten in Köln und Mainz auf und bietet Arbeitsbedingun­gen, von denen Lehrer im benachbarten Rheinland-Pfalz nur träumen können: Haupt- und Realschullehrer werden wie Gymnasiallehrer bezahlt, die Verbeamtung ist bis zum 50. Lebens­jahr möglich. Der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau (CDU) schal­tete Zeitungsannoncen in Sachsen.

So werden die Löcher in einem Bundesland mit den Lehrern des nächsten gestopft, die sich wiederum beim Nachbarland bedienen. Nachhaltige Personal- und Einstellungspolitik: Fehl­anzeige. Kein Wunder, denn auf eine langfristige Bedarfsprognose können weder das Bundes­bildungsministerium noch die Kultusminister der Länder zurückgreifen. Die letzte Studie der Kultusministerkonferenz (KMK) arbeitet mit Daten aus dem Jahr 2001. Auch die aktuellen Studentenzahlen erlauben kaum Rückschlüsse. Denn wer Erziehungswissenschaften und zwei Unterrichtsfächer auf Bachelor studiert, macht noch lange keinen "Master of Education".

Überfüllte Klassen, frustrierte Kollegien

Vor allem in Fächern wie Physik oder Mathematik, in denen der Mangel derzeit besonders groß ist, entscheiden sich viele junge Leute gegen das Lehramt. Industrie und Wirtschaft locken mit höheren Gehältern und besseren Aufstiegschancen. Zumal Lehramt-Studenten schon im Studium die mitunter schwierigen Arbeitsbedingungen - überfüllte Klassen und frustrierte Kollegien - kennenlernen. Ein Schreibtisch-Job mit Firmenwagen gewinnt da zu Dass nun Leute rekrutiert werden, die Pädagogik mit "mangelhaft" abgeschlossen haben oder ihre Eignung für den Lehrerberuf erst gar nicht unter Beweis stellen mussten, bringt Eltern, Schulleiter und Bildungsforscher angesichts der mittelmäßigen Ergebnisse bei Pisa, Iglu und TIMSS schier zur Verzweiflung. "Die Kluft zwischen den hehren Zielen und der Realität wird künftig noch weiter auseinanderklaffen", sagt Marianne Demmer von der GEW. "Wir blicken pessimistisch in die Zukunft."

Wie mit zu wenig oder nur unzureichend qualifiziertem Personal gute Lernergebnisse erzielt werden sollen, bleibt das Geheimnis der Kultusminister.

Süddeutsche Zeitung 22.01.2009