Lauter Lieblingsfächer - Nicht alle Lehramtsstudenten haben gute Perspektiven - es kommt auf die Schulart und Region an

Große Klassen, viele Vertretungsstunden, massiver Unterrichtsausfall - nach Schätzungen des Deutschen Philologenverbandes fehlen an deutschen Schulen schon jetzt 25 000 Pädagogen. Die Zahl könnte künftig noch steigen - auf ungefähr 40 000 Lehrkräfte. Dann würde an jeder Schule in Deutschland im Durchschnitt mehr als ein Lehrer fehlen, so der Verband. Ursache dieser Entwicklung seien die Überalterung der Lehrerschaft und hohe Pensionierungszahlen bei gleichzeitig geringen Absolventenzahlen bei den Lehramtsstudiengängen.


Die Hälfte der insgesamt 770 000 Lehrer in Deutschland wird in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand gehen. Auch wenn die Schülerzahlen von zwölf Millionen im kommenden Jahr voraussichtlich auf zehn Millionen im Jahr 2020 zurückgehen, müssten etwa 300 000 Lehrer neu eingestellt werden. Jährlich seien das gut 30 000 Neueinstellungen, denen jeweils nur 28 000 Lehramtsabsolventen pro Jahr gegenüberstehen.

Allerdings gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Schularten und Schulfächern. Ein Lehramtsstudium ist daher keineswegs eine Arbeitsplatzgarantie. Studienanfänger sollten sich nicht leichtsinnig dafür entscheiden, warnt der Verbandsvorsitzende Heinz-Peter Meidinger. Auf die bundesweiten Prognosen zum Lehrerbedarf sei kein wirklicher Verlass. Die Hochrechnung der Kultusministerkonferenz für die Zeit bis 2015 beispielsweise stamme von 2001 und sei entsprechend veraltet.

Chancen bieten sich vor allem für Absolventen, die bundesweit mobil sind. "Dann gibt es gleich erheblich mehr Möglichkeiten", sagt Meidinger. Insbesondere in Ostdeutschland werde es in den Jahren nach 2014/2015 erst zu einem ernsthaften Lehrermangel kommen. "Viele Kollegien sind dort völlig überaltert." In Westdeutschland sehe die Lage anders aus. Dort sei für einzelne Fächer zum Teil schon bald mit einem deutlichen Lehrerüberschuss zu rechnen.

Schulabgänger und Lehramtsstudenten, die sich entsprechend orientieren wollen, seien gut beraten, sich an die Bedarfsprognosen der einzelnen Bundesländer zu halten, sagt Meidinger. In der Regel seien sie problemlos im Internet zu finden. "Die gibt es aber leider nicht für jedes Land, manche sparen sich das."

Aber auch je nach Schulart und Region kann der Bedarf unterschiedlich sein kann: "In Süddeutschland haben wir an Grundschulen ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage, in Nordrhein-Westfalen eine Mangelsituation", sagt Meidinger. Als sichere Bank erscheint derzeit ein Studium für das Lehramt an Berufsschulen. Dort sind vor allem Lehrer für technische Berufe wie Metalltechnik gefragt. Auch an Hauptschulen würden Lehrer gesucht - allerdings sei zu bedenken, dass die Hauptschule in manchen Bundesländern zur Disposition steht.

Differenziert werden muss aber auch mit Blick auf die Fächer: An Gymnasien werde der Bedarf an Lehrern von MINT-Fächern, also vor allem Mathematik und Naturwissenschaften, groß bleiben, so der Chef des Philologenverbandes. In Fächern wie Sprachen und Geschichte gebe es dagegen weiterhin mehr Absolventen als nötig. Von den bundesweit derzeit etwa 260 000 Lehramtsstudenten haben Meidinger zufolge 45 000 Deutsch als Schwerpunktfach gewählt, dagegen nur 23 000 Mathematik. Für beide Fächer brauche man jedoch gleich viele Lehrer, die Chancen im Fach Mathematik seien also deutlich besser. Für das Fach Physik gebe es derzeit bundesweit sogar nur 1800 Lehramtsstudierende.

Um einen Teil der freien Stellen zu besetzen, regte Meidinger den stärkeren Einsatz osteuropäischer Lehrer an. "Vor allem in Tschechien, Polen und Rumänien gibt es sehr gut Deutsch sprechende, naturwissenschaftliche Lehrer, die man für eine Übergangszeit gewinnen könnte." Allerdings seien osteuropäische Bewerber oft noch auf einen "traditionellen Lehrstil" konzentriert und müssten daher noch pädagogisch nachqualifiziert werden. Meidinger forderte die Bundesländer auf, entsprechende Kurse anzubieten. Er räumte aber ein, der Bewerberkreis aus Osteuropa sei wegen der notwendigen Deutschkenntnisse nicht besonders groß.

Auch Quereinsteiger hätten gute Chancen - sofern sie bereit sind, sich überregional umzusehen. Welche Voraussetzungen sie mitbringen müssen, könne von Bundesland zu Bundesland allerdings unterschiedlich sein, erklärte Andreas Schmitz von der Kultusministerkonferenz in Bonn. Einige Modelle sähen etwa vor, dass Quereinsteiger nach ihrem Hochschulabschluss noch einmal Pädagogik lernen müssen.

Der amtierende Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsminister Henry Tesch, wollte die Zahl von 40 000 fehlenden Lehrerstellen ohne Prüfung zunächst nicht bestätigen. Richtig sei aber, dass Deutschland dringend etwas für den Lehrernachwuchs tun müsse, erklärte er. Dazu arbeite die Kultusministerkonferenz an gemeinsamen Leitlinien. Die Einstellung osteuropäischer Lehrer sei zwar punktuell nicht ausgeschlossen, löse das Problem aber nicht.

Nach Ansicht von Lehrerverbandschef Meidinger ist es vor allem wichtig, den Lehrerberuf für junge Leute wieder attraktiv zu machen - durch ein schärferes Profil der Lehrerausbildung oder durch Imagekampagnen. dpa/AFP/SZ

sueddeutsche.de 25.07.09