Als Ex-Kanzler Schröder die Lehrer pauschal als "faule Säcke" verunglimpfte, hat er den Ruf des Berufes nachhaltig beschädigt. Derzeit mangelt es der deutschen Bildungs­politik nicht so sehr am Geld, es fehlen Engagement und Fantasie. - von Peter Ehrlich

Mit einem simplen populistischen Ausbruch hat der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder Deutschland langfristig vielleicht mehr geschadet, als er dem Land mit der Agenda 2010 genutzt hat. Schröder hat die deutschen Lehrer einst als "faule Säcke" bezeichnet. Alle Vorurteile gegen Lehrer waren darin zusammengefasst, die Volksmeinung getroffen. Diese Haltung gegenüber Lehrern und gleichzeitig die Erkenntnis, dass der Beruf objektiv immer schwerer wird, haben eines nachhaltig geschafft: Lehrer zu werden ist kein besonders attraktives Berufsziel mehr.


In den letzten 20 Jahren sind viele Staaten in Sachen Bildung an Deutschland vorbeigezogen. Bei uns war Bildung trotz Pisa-Diskussion dagegen lange Zeit ein Nischenthema. Das war ein teures Versäumnis. Einer neuen Analyse der OECD und ihres Bildungsexperten Andreas Schlei­cher ist zu verdanken, dass wir jetzt wissen, was bessere Bildung volkswirtschaftlich bringt. Wenn alle OECD-Staaten auf das Niveau des Pisa-Spitzenreiters Finnland kämen, wären sie in 80 Jahren um schlappe 260.000 Mrd. $ reicher als ohne verbesserte Bildungsan­strengungen. Diese kumulierte Zahl ergibt sich aus Wachstumsgewinnen von bis zu einem Prozentpunkt pro Jahr und Industrieland beim Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Teure Bildungslücke

Würde man auf dieser Basis zurückrechnen und die Bildungslücke zwischen Deutschland und Finnland beziffern, die sich in den letzten 15 Jahren aufgetan hat, wäre das Ergebnis vermut­lich erstaunlich. Deutschlands Wachstumspotenzial wäre deutlich höher. Bessere Bildung, das wäre meine These, hätte uns rechnerisch alle Haushaltsprobleme erspart.

Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern, die Zukunft wohl. Schleichers Szenarien beginnen alle im Jahr 2010 und enden 2090. Sie zeigen: Bildung lohnt sich. Das gilt für jede und jeden Einzelnen wie für ein Land insgesamt. Bildungsausgaben verzinsen sich besser als andere se­ri­öse Geldanlagen. Und wer es nicht ökonomisch mag: Bildungspolitik entscheidet auch darü­ber, ob Neukölln 2050 Getto oder begehrter Stadtteil sein wird.

Mit der Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien, der Rede von Angela Merkel zur "Bildungs­republik" 2008 und der Debatte über die Gemeinschaftsschule hat auch in Deutschland die überfällige bildungspolitische Diskussion wieder begonnen. Für sie gibt Schleicher wichtige Erkenntnisse mit auf den Weg.

Erstens: Geld ist nicht alles. Finnland ist zwischen 1995 und 2000 auf den Spitzenplatz vorgeprescht, Polen hat von 2000 bis 2006 beim Pisa-Durchschnitt um 25 Punkte zugelegt. Beide haben ihre Ausgaben für die Schulen nicht allzu sehr gesteigert. "Mehr Bildung bringt mehr Geld, aber mehr Geld für die Bildung bringt nicht unbedingt bessere Bildung", sagt Schleicher. Es geht also darum, das Geld besser einzusetzen. Deutschland gibt zu wenig für Kindergärten und Grundschulen aus. Was dort versäumt wird, kann die Sekundarstufe nicht wettmachen.
Zweitens: Lernen wir endlich von den internationalen Beispielen. In den meisten Ländern bleiben die Schüler in den ersten sechs Jahren zusammen. Die Angst der Mittelschichteltern, die gerade die Debatte über die Hamburger Schulreformen bestimmt, ist unberechtigt. In Polen gab es die Furcht, schlechtere Schüler könnten die guten behindern, übrigens auch. Pisa zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. Frühes Aussortieren ist schädlich. Das gilt auch für das Sitzenbleiben. Jedes wiederholte Jahr verursacht erhebliche volkswirtschaftliche Kosten. Es ist billiger, wie in Finnland alle Kinder mitzuziehen und individuell zu fördern.

Zugegeben, Deutschland ist nicht Finnland. Er habe nur ein Prozent Migrantenkinder, hat der finnische Ministerpräsident Matti Vanhanen eingeräumt. Aber gerade wegen des hohen An­teils an Migranten und inzwischen auch an deutschstämmigen Schülern aus "bildungsfer­nen" Familien ist es so wichtig, sich auf diese Gruppen zu konzentrieren. Rund 17 Prozent der deut­schen Schüler schaffen es nicht, auf 400 Pisa-Punkte zu kommen, die als Minimalan­forderung für das Berufsleben in Industriestaaten gelten. 400 Punkte sind das Durchschnitts­niveau in Mexiko. Kämen alle deutschen Schüler auf mindestens diese 400 Punkte, würde die deutsche Wirtschaft langfristig um 0,65 Prozentpunkte im Jahr zusätzlich wachsen.

Drittens: Die Schulen müssen besser werden, indem sie von nutzloser Bürokratie befreit wer­den und die besten Leute bekommen. Natürlich müssen die Ergebnisse kontrolliert wer­den, auch die einzelnen Lehrer. Aber die Flut von Lehrplänen und Verwaltungsanweisun­gen der Kultusbürokratie gehört in den Papierkorb.

Es gibt viele Studenten, die nach der Universität lieber etwas Sinnvolles machen wollen, als in einer Bank schnell Geld zu verdienen. Schule muss auch für das beste Drittel eines Studi­en­jahrgangs attraktiv werden. Am Ende geht es vor allem darum, dass die Lehrer das Lehren lernen und die Schüler das Lernen. "Wir bilden heute für Berufe aus, die es noch gar nicht gibt", sagt Schleicher. Da kann man sich den Streit darüber, ob jeder Schüler ein Gedicht von Schiller gelesen haben sollte, sparen.

Wenn die Bildungspolitik besser werden soll, dürfen sich die Wähler aber auch nicht gefallen lassen, dass die Kultusminister oder -ministerinnen oft die Schwächsten in einem Landeska­binett sind. Bildungsreformer wie Hildegard Hamm-Brücher oder Ludwig von Friedeburg waren in den 70er-Jahren höchst umstritten, aber sie waren im ganzen Land bekannt. Kennen Sie einen Kultusminister mit Namen, außer vielleicht dem für Ihre Kinder zuständigen?

Es gab Zeiten, da war den europäischen Gesellschaften Bildung wirklich wichtig. In der Nähe meiner Wohnung in Brüssel ist ein Platz nach einem kleinen Schulinspekteur des 19. Jahr­hunderts benannt, Louis Morichar. Er hat den schönen Satz gesagt: "Was unsere Kathe­dralen angeht, das sind bei uns die Schulen. Dort sammelt sich unser ganzer Reichtum." - OECD-Studie: www.lisboncouncil.org

Peter Ehrlich ist Chefkorrespondent der FTD.

Financial Times Deutschland, 04.02.2010