Lehrer auf Klassenreise verprügelt - 64-Jähriger will Schüler vor Attacke eines Jugendlichen schützen und wird schwer verletzt - VON SASKIA DÖHNER UND VIVIEN-MARIE DREWS

Die Kaiserpfalzwiese in Goslar (links) ist ein beliebter Treffpunkt. Ein Lehrer aus Hannover wurde dort attackiert. Er soll an der Werner-von-Siemens Realschule (rechts) unterrichten. Ein 64-jähriger Lehrer aus Hannover ist während einer Klassenreise in Goslar mit Schlägen attackiert und schwer verletzt worden. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei wollte der Lehrer einem seiner Schüler zu Hilfe eilen – der 14-Jährige war während eines Ausflugs mit fremden Jugendlichen aneinandergeraten. Als der Lehrer sich einmischte, ging ein etwa 20-jähriger Mann mit Fäusten auf den Beamten los und schlug ihm ins Gesicht. Der 64-Jährige stürzte zu Boden und erlitt einen Oberschenkelhalsbruch.

Nach HAZ-Informationen gehört der Lehrer zum Kollegium der Werner-von-Siemens Realschule in der List. Der 64-Jährige war Anfang der Woche mit 25 Schülern des sechsten Jahrgangs und weiteren Begleitern zu einer Klassenfahrt nach Goslar aufgebrochen. Die Schulleitung war für eine Bestätigung der Vorgänge gestern nicht zu erreichen. Wie die Polizei Goslar am Mittwoch mitteilte, ereignete sich der Vorfall bereits am Dienstagabend gegen 21 Uhr an der Kaiserpfalzwiese. Was genau sich dort zutrug, ist nach Angaben der Ermittler noch nicht geklärt. Die Wiese vor dem Reiterdenkmal gilt gerade bei milderen Temperaturen als beliebter Treffpunkt für Jugendliche. Auch am Dienstagabend hatte sich dort eine Gruppe von rund zehn jungen Leuten versammelt. Ob sie möglicherweise angetrunken waren, konnte die Polizei nicht sagen. Der 64-jährige Lehrer, eine Kollegin und die Schüler befanden sich nach einer Stadtwanderung auf dem Rückweg zur Jugendherberge, als sie gegen 21 Uhr an der Kaiserpfalzwiese vorbeikamen. Nach derzeitigen Erkenntnissen der Polizei soll der 14-Jährige aus den Reihen der Schüler die Jugendlichen vor dem Denkmal angepöbelt haben. Daraufhin ging ein etwa 20-jähriger Mann auf den Jungen los. Der Schüler flüchtete an seinem Lehrer vorbei, der 20-Jährige rannte hinterher. Der Pädagoge griff umgehend ein und stellte sich dem Verfolger in den Weg. Zeugen berichteten, dass der Lehrer den 20-Jährigen festhielt, der Unbekannte ihm daraufhin erst eine Ohrfeige, dann ein oder zwei Faustschläge versetzte. Daraufhin sei der 64-Jährige hingefallen und auf eine Steinmauer gestürzt. Dabei soll sich der Lehrer den Oberschenkelhalsbruch zugezogen haben. Der Schläger konnte in der Dunkelheit entkommen. Er soll einen sehr auffälligen Haarschnitt haben: an den Seiten kurz geschoren und in der Mitte einen kurzen, blonden Irokesenschnitt. Ein Sprecher der Landesschulbehörde wollte die Schilderung, dass ein Schüler aus Hannover die Gruppe vor dem Denkmal provoziert habe, gestern nicht kommentieren. Er sagte, dass ein Schulpsychologe die Kinder in der Jugendherberge betreue. Offenbar hat der Vorfall die jungen Schüler zum Teil erheblich mitgenommen. Einige seien bereits von ihren Eltern abgeholt worden, sagte der Sprecher. Die anderen Schüler würden weiterhin von einer Lehrerin beaufsichtigt, es gehe ihnen gut. Auch mit dem Lehrer, der seit Dienstagabend im Krankenhaus liegt, habe man „im Rahmen der Fürsorgepflicht des Dienstherrn“ gleich gesprochen. Die Schulbehörde werde Strafanzeige gegen unbekannt stellen. Der 64-Jährige habe sich vorbildlich und instinktiv richtig verhalten, als er sich vor seinen Schüler stellte, sagte der Sprecher der Landesschulbehörde.

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Bei Rangeleien nicht wegschauen

Lehrer sollten schon bei kleineren Rangeleien zwischen Schülern einschreiten und nicht wegschauen, heißt es in einer im Januar 2010 herausgegebenen Handreichung der Landesschulbehörde für den Umgang mit Krisensituationen in Schulen: „Sofortiges Reagieren ist unabdingbar.“ Durch lautes Rufen („Hört auf“) sollte man Aufmerksamkeit herstellen und Hilfe holen. Wenn es ohne Selbstgefährdung möglich sei, sollte der Lehrer die Gewalttat sofort beenden und die Streithähne eventuell entwaffnen. Dabei sollte Körperkontakt und Sichtkontakt zwischen den Gegnern aber vermieden werden. Polizei und Notarzt müssten umgehend informiert werden. Gewaltopfer dürften in den Stunden nach dem Vorfall nicht alleingelassen werden. Verletzte Schüler müssen ins Krankenhaus begleitet werden. Opferschutzstellen und der notfallpsychologische Dienst sollten eingeschaltet werden. Erste Hilfe, auch psychische, müsse geleistet werden. Wichtig sei es, Hinweise von Schülern zu Gewalttaten unbedingt ernst zu nehmen. dö

HAZ 15.04.2010