- · von FOCUS-Online-Autorin Nadine Luck

Der Krankenstand ist seit Jahren niedrig – aus Jobangst gehen auch Kranke arbeiten. Sie sollten ihre Rechte bei Halskratzen und Hexenschuss kennen, damit ihnen der Chef nichts hustet.

Ständiges Nasehochziehen, Dauerhusten oder Magen-Darm-Alarm: Aus Angst vor Jobverlust schleppen sich viele Angestellte in die Arbeit, obwohl sie krank sind. Den niedrigsten Krankenstand der vergangenen 20 Jahre gab es 2007 mit rund 7,9 Fehltagen. Im vergangenen Jahr waren die Arbeitnehmer in Deutschland mit durchschnittlich 9,5 Arbeitstagen wieder etwas öfter krankgemeldet.
Das Bundesarbeitsgericht hat nun ein Urteil gefällt, das Millionen Beschäftigte aufhorchen lassen dürfte: Es entschied, dass der Arbeitgeber schon am ersten Krankheitstag ein Attest verlangen darf – und zwar ohne Nennung von Gründen. Das sei keine Schikane, so die Richter.
Ob mit Attest oder ohne: Die Bürogemeinschaft verzichtet in der Regel gerne auf Kollegen, die ihre Bazillen im Bett pflegen sollten. Schließlich könnte man sich anstecken – und stünde dann selbst vor der schwierigen Entscheidung: Daheimbleiben oder Arbeiten?
Doch was tun, wenn der fiebernde Zimmernachbar partout im Dienst bleiben will? Und kann der Chef tatsächlich häufig schwächelnden Mitarbeitern kündigen? Und was, wenn man nicht in der Arbeit war, doch abends den Vorgesetzten im Kino trifft? Christoph Abeln, Fachanwalt für Arbeitsrecht aus Berlin, unterscheidet für FOCUS Online, wer ins Bett und wer ins Büro gehört – und räumt mit Irrtümern zur Krankschreibung auf.

Irrtum 1: Wer krank ist, darf zu Hause bleiben

Stimmt nicht grundsätzlich – denn krank ist nicht gleich krank: „Zunächst muss der Angestellte selbst einschätzen, ob er arbeiten kann. Manche bleiben mit Kopfschmerzen zu Hause, andere werfen bei einer Grippe eine Pille ein und erscheinen im Dienst“, sagt Arbeitsrechtler Abeln. „Es muss dem Angestellten unmöglich oder unzumutbar sein, zu arbeiten – dann ist er krank genug, um zu Hause zu bleiben.“ Arbeitsunfähig ist ferner, wer seiner Gesundheit schaden würde, wenn er im Büro bleibt. Kassenärzte richten sich bei Krankschreibungen nach verbindlichen Arbeitsunfähigkeitsrichtlinien.
Unter gewissen Umständen müssen krankgeschriebene Arbeitnehmer übrigens für ihre Chefs verfügbar sein: „Von Führungskräften oder Mitarbeitern in Schlüsselpositionen dürfen Arbeitgeber je nach Erkrankung erwarten, dass sie telefonisch erreichbar sind, damit ihre Abteilung und die Projekte, an denen sie arbeiten, reibungslos funktionieren“, sagt Abeln. Um eine Vertretung während der Krankheitszeit müssen sich Arbeitnehmer nicht selbstständig kümmern – es bietet sich jedoch gerade in Führungspositionen an, für krankheitsbedingte Ausfälle vorzusorgen und einen entsprechenden Vertretungsplan zu vereinbaren.

Irrtum 2: Wer daheim bleibt, kann 3 Tage abwarten

Die gängige Praxis war lange Zeit: Wer sich angeschlagen fühlt, muss nicht sofort zum Doktor. Bis zu drei Kalendertage dürfen Angestellte ohne ärztlichen Beistand das Bett hüten – spätestens am vierten Krankheitstag jedoch muss dem Arbeitgeber eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorliegen.
„Wer an einem Montag erkrankt, muss den gelben Schein am Donnerstag abgeben. Wer an einem Mittwoch oder Donnerstag erkrankt, kann sich bis zum darauffolgenden Montag Zeit lassen, sofern die Personalabteilung am Wochenende frei hat“, sagt Abeln.
Allerdings legt das sogenannte Entgeltfortzahlungsgesetz auch fest: Der Arbeitgeber kann das Attest schon früher – also bereits zu Beginn der Krankheit – verlangen. Das Bundesarbeitsgericht in Erfurt hat dies mit einem neuen Urteil (5 AZR 886/11) bestätigt. „Der Arbeitgeber hat das Recht, dieses Verlangen zu stellen, und er ist darin nicht an besondere Voraussetzungen gebunden“, begründete der Vorsitzende Richter Rudi Müller-Glöge das Urteil.

Sofortiges Attest ist keine Schikane

Konkret ging es um die Klage einer Redakteurin des Westdeutschen Rundfunks in Köln. Ihr Arbeitgeber hatte sie nach einer Krankmeldung im November 2010 aufgefordert, künftig schon am ersten Krankheitstag ein Attest vorzulegen. Die Mitarbeiterin hielt diese Weisung für Willkür und Schikane. Sie argumentierte, dass bei ihr kein Missbrauchsverdacht hinsichtlich der Arbeitsunfähigkeit bestanden habe. Ihr Arbeitgeber hielt wiederum entgegen, dass er die Anweisung nicht begründen müsse – und bekam vom Gericht Recht.
Grundsätzlich gilt nach wie vor: Der Angestellte seinen Arbeitgeber so schnell wie möglich über sein Fehlen informieren, am besten noch vor der Visite beim Arzt. „Der Arbeitgeber sollte wissen, wie lange der Angestellte voraussichtlich ausfällt und welche Termine deswegen verschoben werden“, erklärt Abeln.

Auch, wenn der Angestellte länger krank ist als erwartet, muss er seinem Chef unverzüglich Bescheid geben. Bei verspäteter Krankmeldung droht eine Abmahnung, im Wiederholungsfall sogar die Kündigung.

Irrtum 3: Der Chef muss wissen, was fehlt

Falsch. Es sei denn, der Angestellte hat eine Krankheit, die für betriebliche Belange relevant ist – zum Beispiel, wenn er möglicherweise bereits Kollegen oder Kunden angesteckt hat.
Falls der Arbeitgeber begründet an der Arbeitsunfähigkeit zweifelt, kann er übrigens den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) beauftragen, den Angestellten zu untersuchen. „Dies kann bei angekündigten Erkrankungen der Fall sein oder an Tagen, für die kein Urlaub gewährt wurde – oder bei häufigen Kurzzeiterkrankungen ohne Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Auch, wer häufig am Anfang oder Ende der Woche krank ist, macht sich möglicherweise verdächtig“, so Abeln.

Irrtum 4: Wer krank ist, darf nicht ausgehen

Stimmt nicht pauschal. Wer krank ist, hat zwar den Job zu erledigen, wieder gesund zu werden, „aber Angestellte dürfen alles tun, was ihrer Genesung dient und die Krankheit nicht verschlimmert“, sagt Abeln. Welche Unternehmung das sein könnte, hängt von der Erkrankung ab: Nicht jedes Leiden erfordert strenge Bettruhe. „Wer aber einen Bandscheibenvorfall hat, sollte nicht das Dach des Gartenhauses decken. Dies würde der Genesung zuwiderlaufen“, erklärt Abeln. Wer indes erkältet ist, dürfe ruhig Einkaufen gehen.
Ob man während der Krankschreibung seinen Chef abends im Kino treffen will, sei indes eine moralische Frage, die sich jeder selbst beantworten müsse. „Wenn sich ein Angestellter während der Arbeitsunfähigkeit so verhält, dass seine Genesung verzögert wird, kann abgemahnt, im Wiederholungsfall sogar verhaltensbedingt gekündigt werden. Die Nachweispflicht liegt hier allerdings voll beim Arbeitgeber.“

Irrtum 5: Wer im kalten Büro krank wird, ist selbst schuld

Falsch. Denn wenn der Atem den Bildschirm beschlägt, sollten sich nicht nur Arbeitnehmer, sondern auch ihre Chefs warm anziehen: „Die Arbeitsstättenverordnung regelt die zulässigen Raumtemperaturen im Büro und in anderen Arbeitsräumen“, sagt Abeln. „Bei leichten Bürotätigkeiten sind 19, maximal 26 Grad vorgeschrieben.“ Ist es kälter, sollten die Angestellten ihren Chef darauf ansprechen. „Oft hilft es, wenn sich dabei mehrere Kollegen zusammentun“, rät Abeln. „Existiert ein Betriebsrat, sollte sich die Belegschaft an diesen wenden.“ Weigert sich der Arbeitgeber, die Arbeitsräume gesundheitlich zuträglich zu heizen, bleibt nur der Gang zum Arbeitsschutzamt.

Irrtum 6: Im Büro kann sich niemand vor kranken Kollegen schützen

Falsch. Der Arbeitgeber muss einen funktionierenden, nicht krank machenden Arbeitsplatz zur Verfügung stellen. Ein erkälteter Kollege ist allerdings kein Freifahrtschein für Angestellte, die Arbeit zu verweigern oder den Raum zu wechseln. „Solche Maßnahmen müssen je nach Fall getroffen werden – es handelt sich hierbei immer um Ermessensentscheidungen“, erklärt Abeln. Wenn möglich, sollte ein Arbeitnehmer den Raum wechseln dürfen. Wenn der Arbeitgeber merkt, dass sich der kranke Kollege extrem durch den Tag quält, gebietet es zudem seine Fürsorgepflicht, ihn nach Hause oder zum Arzt zu schicken. „Die Fürsorgepflicht umfasst den Schutz sowohl des kranken Mitarbeiters vor Überanstrengung als auch den Schutz der übrigen Mitarbeiter vor Erkrankungen, soweit dies dem Arbeitgeber möglich ist“, sagt Abeln.

Irrtum 7: Wer einen Arzttermin hat, wird freigestellt

Stimmt nicht pauschal. „Geplante Arzttermine sind grundsätzlich in der Freizeit zu erledigen“, erläutert Abeln. In der Praxis sei es häufig so, dass Arbeitgeber kulant sind und ihre Angestellten dennoch während der Arbeitszeit zum Doktor gehen lassen. Und falls der Arzt aus organisatorischen Gründen in seiner Praxis Behandlungszeiten vorgibt, die in der Dienstzeit des Patienten liegen, muss der Arbeitgeber ebenfalls das Entgelt fortzahlen. Dies gilt zum Beispiel, falls der Patient morgens zum Blutabnehmen einbestellt wird. Wer akut erkrankt ist, darf indes auch während der Arbeitszeit zum Arzt – ohne den Anspruch auf sein Gehalt zu verlieren (Paragraf 616 BGB). „Diese Vorschrift kann jedoch durch eine arbeitsvertragliche Regelung ausgehebelt werden, sodass Arbeitnehmer je nach Arbeitsvertrag keinen Anspruch auf Entgeltfortzahlung für kurzfristige Arztbesuche haben“, warnt Abeln.

Irrtum 8: Wer im Urlaub erkrankt, hat Pech gehabt

Falsch. Urlaub ist Urlaub und Krankheit ist Krankheit: „Wenn es den Arbeitnehmer im Mallorcaurlaub erwischt, endet rein arbeitsrechtlich gesehen der Urlaub“, sagt Abeln. „Wenn sich der Angestellte gleich am ersten Krankheitstag ein Attest verschafft, darf er die Urlaubstage wannanders nachholen.“ Der Arbeitnehmer muss seinen Arbeitgeber allerdings sofort über die Krankheit informieren und Adresse und Telefonnummer nennen, unter der er erreichbar ist.

Irrtum 9: Wer krankgeschrieben ist, darf nicht arbeiten

Falsch. „Sobald sich der Arbeitnehmer wieder fit fühlt, spricht nichts dagegen, wieder arbeiten zu gehen“, sagt Abeln. „Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung beinhaltet nur eine Prognose über die voraussichtliche Dauer der Erkrankung. Sie ist kein Beschäftigungsverbot.“ Kein Arzt könne sicher voraussagen, wie lang der Patient wirklich krank ist, eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung muss nicht zwingend voll ausgeschöpft werden.

Irrtum 10: Wer krank ist, ist vor Kündigung geschützt

Falsch. Wer häufig fehlt, kann sogar die Rote Karte bekommen. „Die krankheitsbedingte Kündigung ist die häufigste der personenbedingten Kündigungen – in der Praxis entlassen Chefs schon mal bei ständigen kurzen Erkrankungen, bei Langzeiterkrankungen oder bei krankheitsbedingtem Leistungsabfall“, sagt Abeln. Und es kommt noch schlimmer: Anders als bei einer verhaltensbedingten Kündigung bedarf es dabei nicht einmal einer Vorwarnung in Form einer Abmahnung. Allerdings verlangt der Gesetzgeber vor der Kündigung eine sogenannte Stufenprüfung: „Zunächst muss begründet anzunehmen sein, dass der Arbeitnehmer weiterhin krankheitsbedingt fehlen wird“, sagt Abeln. „Dann muss feststehen, dass die Fehlzeiten dem Unternehmen schaden.“ Letztlich müssen die Interessen des erkrankten Arbeitnehmers am Erhalt seines Arbeitsplatzes gegen die Interessen des Arbeitgebers wegen der Beeinträchtigung umfassend abgewogen werden. „Nicht unerheblich ist der Gedanke, ob die Erkrankung des Arbeitnehmers nicht auf betriebliche Ursachen zurückzuführen ist.“

focus.de 14.11.12