Es fing damit an, dass ich eine Klasse bekam, in der 40 Schüler saßen. Das sind viel zu viele. 30 sollten es normalerweise maximal sein – und selbst die lassen sich nur schwer bändigen. Ich unterrichte Auszubildende, die sonst im Handwerk arbeiten und überhaupt nicht zur Berufsschule gehen wollen. Das sind junge Männer zwischen 16 und 25, da ist viel Testosteron im Spiel. Oft musste ich in den letzten Stunden am Nachmittag unterrichten, wo die Schüler sich nur noch schwerlich konzentrieren können. Immer wieder kam es zu aggressiven Konflikten.

In der Lehrerausbildung wird man auf solche Situationen nicht vorbereitet. Man lernt, wie guter Unterricht abzulaufen hat und welche Methoden angewendet werden. Aber nicht, wie man Konflikten in schwierigen Lerngruppen begegnen kann.

 

An einem Nachmittag eskalierte die Situation zwischen zwei Schülern, es artete in eine regelrechte Schlägerei aus. Mithilfe der Kollegen aus anderen Räumen habe ich sie schließlich auseinander gebracht. Wir haben dann versucht, den Konflikt zu schlichten. Das hat funktioniert, aber der Frieden hielt nicht länger als ein paar Tage an, bevor der Streit von Neuem losging.

Ich bin zum Schulleiter, um mit ihm darüber zu sprechen. Er meinte: "Haben Sie sich gefragt, welchen Anteil Sie an der Gewalt in Ihren Klassen haben?" Auf einmal war ich das Problem.

Bin ich eine schlechte Lehrerin, bin ich inkompetent? Mache ich diesen jungen Leuten das Leben kaputt? Das habe ich mich gefragt. Ich mag die Schüler wirklich, ich will sie aufs Leben vorbereiten. Deshalb habe ich auch erst mal alles versucht, um allein mit dem Problem fertig zu werden, aber ohne Erfolg.

Immer wieder bin ich zum Schulleiter, habe ihn um Hilfe gebeten. Und er hat immer wieder gesagt, ich solle über mich selbst nachdenken, an mir arbeiten. Nur ich würde so viele Probleme machen. Ich fühlte mich komplett alleingelassen. "Können Sie sich nicht mal zusammenreißen?", das ist der Satz, der sich bei mir eingebrannt hat. Nach drei Jahren wurde ich krank, Lungenentzündung und chronische Magenschleimhautentzündung. Ich habe mich gefragt, woran das liegt.

Dass es sich um Mobbing handeln könnte, wollte mir erst gar nicht in den Kopf. Mein Bild davon war: Man wird täglich beleidigt, als fette Kuh beschimpft. Das wäre etwas, wogegen man vorgehen könnte. Heute weiß ich, dass es ein subtileres System ist. Man muss sich anpassen, der Druck kommt von oben. Tut man dies nicht, wird man selbst zum Problem gemacht. Ich habe sehr lang gebraucht, um dieses System zu begreifen.

Bei uns ist es so, dass der Schulleiter seine Lieblinge hat. Es ist ein System von Bevorzugung und Benachteiligung, das an Geschlechtergrenzen entlang verläuft. Wir sind nur wenige Frauen an der Schule, und uns alle lässt man das spüren. Man teilt uns die besonders schwierigen Klassen zu, die miesen Stundenpläne. Viele Probleme im Unterricht entstehen dadurch erst: In den Problemklassen am Nachmittag eskaliert die Situation schnell.

Wem der Schulleiter gewogen ist, den belohnt er mit entspannten Klassen, guten Stundenplänen, weniger Nachmittagsstunden. Inzwischen habe ich das erkannt, ich habe andere Betroffene gefunden, es sind wiederum nur Frauen. Wir alle sind auch Sprüchen und Beleidigungen ausgesetzt.

"Lass dich doch versetzen", sagen Freunde immer wieder zu mir. Aber das ist nicht so einfach. Meine Anträge wurden bisher alle von der Schulleitung abgelehnt. Als Beamtin kann man nicht gekündigt werden, das ist schön. Doch man kann auch nicht so leicht woanders hingehen. Und wenn ich mich über den Schulleiter an anderer Stelle beschwere, könnte es nur noch schlimmer werden.

Frauke Müller* unterrichtet seit fast 20 Jahren an einer Berufsschule im Rheinland

*Die Namen der Lehrer wurden geändert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.