Positionspapier des BLVN und des VLWN zur beruflichen Bildung - vorgestellt im Rahmen der Anhörung zur beruflichen Bildung im Kultusausschuss am 29. April 2016

Hannover, 27. April 2016 - Die Frage nach der Sicherung der Zukunftsfähigkeit des dualen Berufsbildungssystems hat eine lange Vergangenheit. Viele Skeptiker, die das System in Frage gestellt haben, sind inzwischen zu Pessimisten geworden. Es gibt in der letzten Zeit aus dem Ausland aber auch viele positive Betrachtungen zur Zukunftsfähigkeit des Systems. Trotzdem darf aus unserer Sicht nicht übersehen werden, dass Erosionen festzustellen und Reformen notwendig sind. Es gilt die Zukunftsfähigkeit des dualen Systems zu sichern, da wir nach wie vor das duale Berufsbildungssystem für das beste und nachweislich bewährteste System der beruflichen Nachwuchsgewinnung halten.

Wir möchten im Folgenden einige aus unserer Sicht kritische Punkte bzw. Sachverhalte des dualen Berufsbildungssystems darstellen, um anschließend unsere Positionen aufzuzeigen, von denen einige auch in den Anträgen der im Landtag vertretenen Parteien thematisiert worden sind:

  • Der Start in das Berufsleben ist für die gesamte Bildungs- und Berufsbiografie der Jugendlichen von prägender Bedeutung. Gelingt der Start nicht, so ergeben sich oft Probleme im späteren Berufsleben.
  • In Niedersachsen ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in den vergangenen Jahren gesunken - trotz nahezu gleichbleibender prognostizierter Bereitschaft der Betriebe sich an der Ausbildung zu beteiligen.
  • Viele Betriebe nennen als Hauptgrund für die Nichtbesetzung von Ausbildungsplätzen die fehlende Ausbildungsreife, Mobilität und Flexibilität der Jugendlichen.
  • In den letzten Jahren ist eine Verschärfung des so genannten "Matching Problems" festzustellen.
  • Auf der anderen Seite wird bemängelt, dass die Entscheidung, ein Berufsausbildungsverhältnis einzugehen, auf der Unternehmensseite eher an der Ertrags- bzw. Gewinnerwartung orientiert ist und weniger aus einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung heraus erwächst.
  • Die fehlgeschlagene bzw. unzureichende Integration vieler Jugendlicher in eine Ausbildung verursacht hohe Kosten bei den sozialstaatlichen Unterstützungsleistungen und der Arbeitslosenversicherung.
  • Trotz sinkender Schülerzahlen befinden sich viele junge Menschen mit einem Hauptschul- bzw. einem höheren Schulabschluss in Niedersachsen in schulischen und außer-schulischen Maßnahmen des so genannten "Übergangssystems", da sie keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Dort werden viele außerschulische Programme durchgeführt, die eher anbieterorientiert und weniger nachfrageorientiert sind.
  • In den Statistiken der Agenturen für Arbeit taucht regelmäßig der Begriff der "Unversorgten" auf. Mit gut 3000 Schülerinnen und Schülern (lt. MK-Statistik: November 2014) ist diese Zahl in Niedersachsen eine verhältnismäßig kleine Gruppe. Viele dieser Jugendlichen sind richtig "versorgt".
  • Der Begriff "Warteschleife" bedeutet eine massive Abwertung und Diffamierung der Leistung der Lehrkräfte an den berufsbildenden Schulen. Er bedeutet auch eine geringe Wertschätzung der Jugendlichen, die trotz intensiver Bemühungen, keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. In den beruflichen Vollzeitschulen werden jene jungen Menschen, die von den Unternehmen als noch nicht ausbildungsreif abgelehnt worden sind, auf die duale Ausbildung vorbereitet. Hier sind die berufsbildenden Schulen der Reparaturbetrieb von all dem, was aus sehr unterschiedlichen Gründen an den allgemein bildenden Schulen nicht geleistet werden konnte. Sie garantieren die „Durchlässigkeit des Bildungssystems“ in Niedersachsen und ermöglichen den Jugendlichen des Landes zahlreiche nutzbare Chancen und Verbesserungsmöglichkeiten für ihre schulischen und beruflichen Perspektiven.
  • Bei vielen Eltern und jungen Menschen ist ein rationales Verhalten bei der Wahl der Bildungswege nicht zwingend festzustellen. Dies darf den berufsbildenden Schulen nicht angelastet werden.
  • Die duale Bildung darf nicht Gefahr laufen, durch eine mangelnde Attraktivität für leistungsstärkere Jugendliche ausgehöhlt zu werden.
  • Die duale Bildung wird als nicht antastbare und nicht auflösbare Einheit in Regie von Unternehmen und Gewerkschaften gesehen und behandelt. So werden Vertreter der berufsbildenden Schulen nicht zu den Sitzungen des Landessausschusses für Berufsbildung eingeladen und somit sind dort auch nicht alle Partner der dualen Bildung vertreten.
  • Es mangelt häufig an einer klaren inhaltlichen Abgrenzung der Bildungsaufträge von Betrieb und berufsbildender Schule. So gibt es Konkurrenzsituationen in denen Betriebe schulische Inhalte übernehmen. Häufiger (besonders wenn die Ausbildung in Kleinbetrieben erfolgt) müssen die Lehrkräfte in den berufsbildenden Schulen eine immer größere Anzahl von (von den Betrieben zu vermittelnden) Prüfungsteilen abdecken, damit die Auszubildenden die Abschlussprüfungen erfolgreich bestehen.

Ein Budget für die nach dem BBiG geforderte Beteiligung der Lehrkräfte an den Abschlussprüfungen wird den berufsbildenden Schulen nicht zur Verfügung gestellt.

  • Leider mangelt es häufig auch an einer fehlenden Mikrokooperation, d. h. einer zeitlichen Feinabstimmung der curricularen Inhalte mit den Inhalten der Ausbildungsordnungen zwischen den ausbildenden Betriebe und den berufsbildenden Schulen. Die Betriebe können oft nicht dafür Sorge tragen, dass die Auszubildenden zeitgleich zu den erteilten Unterrichtsinhalten auch in den entsprechenden Abteilungen eingesetzt und ausgebildet werden.
  • Bei den schuladministrativen Regelungen und der Ausstattung der Schulen erkennen wir noch deutliche Verbesserungspotentiale, die dafür genutzt werden müssen, dass der fachliche Innovationstransfer (z. B. die Digitalisierung und damit verbunden Industrie 4.0, Arbeit 4.0 und Wirtschaft 4.0) in den Schulen sichergestellt wird. Es darf keine Ausgrenzung der berufsbildenden Schulen wegen fehlender finanzieller Mittel erfolgen.

 

Zusammenfassend und grundsätzlich ist aus der Sicht des BLVN und des VLWN  festzustellen, dass das duale System obsolet wird, wenn die betrieblichen Erwartungen an die berufliche Bildung sich nur aus den betrieblichen Interessen ableiten. Das System der dualen Berufsausbildung muss betriebliche Interessen, persönliche Bedürfnisse und Neigungen sowie gesamtgesellschaftliche Erwartungen und Perspektiven in Einklang bringen.

 

Dieses vorausgesetzt nehmen der BLVN und der VLWN zu den in den vorgelegten Anträgen der im Landtag vertretenen Parteien wie folgt Stellung:

Der BLVN und der VLWN begrüßen, dass in den vorgelegten Anträgen grundsätzlich

  • die Gleichwertigkeit der allgemeinen und beruflichen Bildung nicht mehr in Frage gestellt wird,
  • das Primat der dualen Ausbildung gesehen wird,
  • bestätigt wird, dass die berufsbildenden Schulen mit ihren schulischen und beruflichen Angeboten die Durchlässigkeit im Bildungssystem des Landes garantieren,
  • die berufsbildenden Schulen als regionale Kompetenzzentren in und für die jeweilige Region verstanden werden, die sich laufend weiterentwickeln, und es
  • erkannt worden ist, dass es dringend notwendig war, nach dem Auslaufen des Berufsbildungspaktes das Bündnis Duale Berufsausbildung einzurichten.

Der BLVN und der VLWN äußern sich kritisch wie folgt zu den folgenden auch in den Anträgen angesprochenen Themenbereichen: