Schach und Reiten gibt es schon; sogar „Glück“ wird unterrichtet. Nun wünscht sich der Bundeslandwirtschaftminister ein Schulfach Ernährung, die meisten Deutschen ebenso. Wie sinnvoll ist das alles? - von Lisa Becker

Bildung um der Bildung willen oder doch besser Berufsvorbereitung?

Heftiger Streit um die Wirtschaft

Was könnte man nicht alles in der Schule lernen – der Phantasie sind da kaum Grenzen gesetzt. Und so stehen an einigen deutschen Schulen recht exotische Fächer auf dem Stundenplan. Dass an immer mehr Schulen Chinesisch unterrichtet wird, verwundert angesichts der großen Rolle, die das Reich der Mitte inzwischen auf der Welt spielt, noch am wenigsten. Norwegisch, Schwedisch oder Dänisch vermutet man hingegen eher nicht auf den Stundenplänen der Republik, doch auch diese Sprachen werden mancherorts unterrichtet.(...)

 

Einzelne Schulen dürfen gerne ausprobieren

Dass einzelne Schulen mit außergewöhnlichen Fächern aufwarten, ruft wenig Widerspruch hervor: Sollen sie doch ausprobieren, von ihren Erfahrungen berichten und gegebenenfalls Nachahmer finden. Kontrovers wird die Diskussion aber, wenn es darum geht, welche Fächer an allen Schulen gelehrt werden müssen. Weil sich die Welt verändert, ist das nicht für alle Zeiten in Stein gemeißelt.

Fragt man zehn Personen, welche Pflichtfächer es geben sollte, dann bekommt man zehn unterschiedliche Antworten. Kaum umstritten dürfte sein, dass Deutsch, Mathematik und Englisch grundlegend sind, ebenso die politische Bildung. In dem verpflichtenden Fächerkanon der Kultusministerkonferenz (KMK) finden sich außerdem: Fremdsprachen, Informatik, Naturwissenschaften, Technik, Gesellschaftswissenschaften, musische Fächer, Religion, Philosophie, Ethik, Sport.

Bildung um der Bildung willen oder doch besser Berufsvorbereitung?

So weit, so unkonkret. Es bleiben viele Fragen: Ist die Allgemeinbildung gefährdet, wenn Gymnasiasten kein Latein mehr lernen? Braucht man in Erdkunde, Biologie, Physik und Chemie mehr als ein überschaubares Grundwissen? Leisten Kunst und Musik einen wichtigen Beitrag zur Persönlichkeitsbildung, oder sind sie nur Schmuck und in Zeiten, in denen andere Wissensgebiete wichtiger werden, verzichtbar? Eltern beantworten diese Fragen sehr verschieden – und wählen für ihren Nachwuchs ganz unterschiedliche Schulen: vom humanistischen Gymnasium über Schulen mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunkt bis hin zu Wirtschaftsschulen. Für die einen ist Bildung um der Bildung wichtiger, für andere geht es stärker um Nützlichkeit und die Vorbereitung der Kinder auf das Berufsleben.

Es gibt darüber hinaus etliche Wissensgebiete, die die Kultusministerkonferenz als „weitere Unterrichtsinhalte“ bezeichnet und die in der Regel fächerübergreifend zu unterrichten seien. Die KMK zählt dazu unter anderem: Gesundheitserziehung, nachhaltige Entwicklung, wirtschaftliche Bildung und Verbraucherbildung. Hier wird es richtig spannend, denn es ist hochumstritten, ob diese Inhalte tatsächlich nur hier und da in andere Fächer einfließen sollten oder ob sie inzwischen schon Teil der Allgemeinbildung sind – und in einem eigenständigen Fach, möglichst flächendeckend und verpflichtend, unterrichtet werden müssten. Dabei hat die Etablierung eines eigenständigen Fachs schon alleine aus einem Grund große Vorteile: An den Hochschulen werden dann die passenden Lehramtsstudiengänge eingerichtet. Über neue Pflichtfächer wird außerdem auch deshalb besonders heiß diskutiert, weil sie womöglich andere Fächer verdrängen.

Heftiger Streit um die Wirtschaft

Besonders lange schon, seit etwa dreißig Jahren, wird ein Schulfach Wirtschaft gefordert, nicht nur von Wirtschaftsverbänden und Ökonomen, sondern auch von einer großen Mehrheit der Jugendlichen selbst. Es geht voran, allerdings im Schneckentempo, wie die Befürworter des Fachs monieren. Ihrer Ansicht nach spielt die Ökonomie inzwischen in Politik, Gesellschaft und im Alltag eine so große Rolle, dass junge Menschen ein systematisches Wissen brauchen, um sich in der Welt zurechtzufinden und mündige Bürger zu werden. Eingebettet in ein Fach Politik werde Wirtschaft aber von Lehrern unterrichtet, die nicht über genügend Fachwissen verfügten.

Die Forderung nach einem Pflichtfach Wirtschaft ruft freilich andere Sozialwissenschaftler, vor allem Politikwissenschaftler auf den Plan. Sie befürchten einen Bedeutungsverlust der eigenen Disziplin. Die Debatte wird sehr ideologisch geführt. Gewerkschafter und eher linke Sozialwissenschaften warnen vor einer einseitigen Vereinnahmung ökonomischer Bildung durch Ökonomen. Die Gefahr sei groß, dass Gewinnstreben verherrlicht und soziale und ökologische Aspekte außer Acht gelassen würden. Befürworter des Fachs Wirtschaft weisen diese Vorwürfe empört zurück: Sie verweisen auf die kritische Distanz, die ausgebildete Ökonomielehrer selbstverständlich mitbrächten, und fragen, wie Politiklehrer kritische ökonomische Bildung vermitteln wollten, wenn sie sich fachlich gar nicht richtig auskennten.

Und sie befürchten, dass statt Wirtschaft immer mehr Verbraucherbildung gelehrt wird. Diese Erfahrung mussten sie in Nordrhein-Westfalen machen. Dort entschied man sich gegen ein Fach Wirtschaft und eine Stärkung der Verbraucherbildung. Kritiker monieren, die sendungsbewussten Grünen wollten den Menschen nun schon in der Schule erklären, was sie essen und trinken dürfen und wie sie überhaupt leben sollten. Wirtschaftsdidaktiker kritisieren zudem die einseitige Perspektive, die in der Verbraucherbildung eingenommen werde. Das Konsumverhalten kritisch zu reflektieren ohne ein grundlegendes Verständnis marktwirtschaftlicher Zusammenhänge sei unzureichend. Und Verbraucherbildung als Lebenshilfe widerspreche dem Allgemeinbildungsauftrag der Schulen.

„Dann wären wir schnell bei einer 80-Stunden-Woche“

Teil der Verbraucherbildung ist eine gesunde Ernährung. Dieses Teilgebiet würde der Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) gerne in den Stand eines eigenständigen Schulfachs erheben. Die Wähler würde er damit erfreuen: Nach einer Umfrage wünschen sich fast 90 Prozent der Deutschen ein solches Fach. Schon vor einem guten Jahr schrieb Schmidt den Kultusministern der Länder, jedes Kind sollte das Einmaleins einer gesunden Ernährung lernen. „Deshalb setze ich mich für ein eigenes Schulfach Ernährung ein.“ Die damalige KMK-Präsidentin Brunhild Kurth wiegelte freilich ab. „Wir müssen uns auch fragen, ob wir damit nicht die Schulen überfrachten. Wenn wir allen Wünschen nach zusätzlichen Unterrichtsfächern nachkämen, wären wir schnell bei einer 80-Stunden-Woche für Schüler“, antwortete sie. Wie in vielen anderen Fällen dürfe man auch hier die Eltern nicht aus der Verantwortung lassen.

Das ist bei allen Forderungen nach neuen Schulfächern zu bedenken: Sind sie Teil des Bildungsauftrag der allgemeinbildenden Schule oder eher eine Erziehungsaufgabe der Eltern? Will man zum Beispiel wirklich, dass Lehrer mit ihren Konsum- und Ernährungsvorstellungen die Kinder beeinflussen? Gibt es an einer Schule viele schlecht ernährte Schüler, dann spricht nichts dagegen, dem Thema ein paar Extrastunden zu widmen.

Vor rund zwei Jahren beklagte die Schülerin Naina in einem Tweet, sie habe zu wenig Lebenspraktisches in der Schule gelernt. Mit fast 18 habe sie keine Ahnung von Steuern, Mieten oder Versicherungen, könne aber eine Gedichtanalyse in vier Sprachen.

Doch muss man in der Schule wirklich lernen, wie man einen Miet- oder einen Versicherungsvertrag ausfüllt? Sinnvoll erscheint der Grundsatz, Schule sollte zwar auf das Leben vorbereiten, aber nicht auf jede denkbare Lebenssituation. In ihr soll strukturelles Wissen systematisch aufbereitet vermittelt werden. Praktische Lebenshilfe kann nicht Kern des Pflichtunterrichts sein.

faz.net 06.01.2017