In sozialen Netzwerken sind manche Schüler Schmähungen ausgesetzt. Michael Felten erklärt, wie sich Lehrer digitalem Mobbing gegenüber verhalten sollten. von Michael Felten
Die Lehrerfrage: In meiner neu zusammengesetzten siebten Klasse tummeln sich eine ganze Reihe von Schülern bei WhatsApp. Einer hat mir kürzlich mal gezeigt, welcher niveauarme Unsinn und welches Ausmaß an gegenseitigen Beleidigungen im Rahmen einer solchen "Kommunikationsplattform"  üblich sind. So wurde ein Mädchen dort richtiggehend gemobbt. Müsste ich nicht die Sozialpädagogin einschalten – sind solche Probleme nicht ihre Aufgabe?
Schulpsychologen und -sozialarbeiter gibt es leider zu wenige, denn wo der Einfluss der Lehrer endet, können sie enorm hilfreich wirken. Aber in vielen Problemfällen sind eigentlich zunächst die Pädagogen selbst gefragt. Niemand in der Schule hat größeren Einfluss auf die Schüler als ihr Klassenlehrer, er ist – sofern die Dinge halbwegs im Lot sind – für seine Kinder und Jugendlichen die wirkungsmächtigste Person innerhalb der Schule. Niemand kennt die Schüler in der Regel so gut wie er.
Einmal stand morgens um fünf vor acht eine Achtklässlerin samt Mutter vor mir, in der Hand einen ellenlangen Ausdruck mit digitalem Gruppengerede, darin drastische Schmähungen über dieses Mädchen. Ein Klassenkamerad fand sie wohl attraktiv – oder war eifersüchtig auf sie – und hatte anonym, aber für sie erkennbar, ordentlich über sie gelästert. Nun bin ich keineswegs der Meinung, dass man bei jeder kleinen Beschimpfung unter Heranwachsenden von Mobbing reden oder zum Anwalt laufen muss. Aber das hier ging eindeutig zu weit. Ich habe zunächst scheinbar unbeschwert mit dem Unterricht begonnen; in einer Stillarbeitsphase bat ich dann den Betreffenden beiläufig auf den Flur, konfrontierte ihn mit seiner Tat, ließ mir sein überraschtes Eingeständnis bezeugen – und setzte seine Teilnahme an der bevorstehenden Klassenfahrt zur Bewährung aus.
Tätern gegenüber zählt vor allem die Tat, das entschiedene Entgegenstellen – und nicht unnötiges Erklären oder Debattieren. Sie wissen selbst haargenau, dass ihr Handeln nicht in Ordnung ist. Aber sie müssen einen Erwachsenen spüren, der mit grundsätzlichem Wohlwollen ihre Verfehlung klar ahndet, und der Besserung und vielleicht auch Wiedergutmachung einfordert und dies auch kontrolliert. Wie sagte Royston Maldoom im Tanzprojekt "Rhythm is it!", gegen alle antipädagogische Aufweichung: "Zunächst muss die Disziplin von außen kommen, und dann wird sie allmählich zur inneren Instanz, zur Selbstdisziplin."
Der Lehrer muss nicht nur mit dem Täter reden
Aber es geht nicht nur um die Täter, es geht auch um die anderen: um Gaffer, Mitläufer, potenzielle Nachahmer, die ängstlich bis indifferent schweigende Mehrheit – und um das jeweilige Opfer. Eine Schulklasse ist schließlich ein hochkomplexes Beziehungssystem, in dem es ständig brodelt: A ist verliebt in B, C ärgert sich über die Noten von D, E möchte F seine Clique abspenstig machen, F einfach den Macker spielen. Da lauern immer wieder asoziale bis feindselige Turbulenzen. Sie binden einen Großteil der Energie, die eigentlich fürs Lernen gebraucht würde. Also muss der Lehrer oft auch mit der Klasse als ganzer Gruppe reden, versuchen, ihnen eine sozialere und zugleich beruhigende Sichtweise nahezulegen.
Am nächsten Tag habe ich also einen Teil der Mathestunde geopfert und die Klasse in ein Gespräch verwickelt. Was man eigentlich macht, wenn man so als Gruppe zusammensteht und einer beginnt, über einen anderen herzuziehen? In das Gerede einstimmen; oder gespannt abwarten, ob es jetzt gleich eine Prügelei gibt; oder Angst kriegen und so tun, als habe man nichts gehört? Und dann hieß es, geschickt Regie zu führen, also nicht allzu direktiv, aber auch nicht ohne Standpunkt den Schülern zu helfen, konstruktive Perspektiven zu finden. Dass einerseits die schweigende, aber vernünftige Mehrheit gefragt ist. Dass andererseits Menschen, die einem nicht helfen, einem auch als Freunde gestohlen bleiben können.
Schließlich habe ich den Bogen zur digitalen Ebene geschlagen. WhatsApp, ist das nicht manchmal wie Herumlungern an der Ecke und die Zeit mit Geschwätz totschlagen? Nur mit dem Unterschied, dass jede abfällige Bemerkung gespeichert wird – und dann über längere Zeit Schaden zufügt. Wie schnell schaukelt sich da etwas hoch – und plötzlich hat man eine Anzeige am Hals. Außerdem gibt es immer Schüler, die uns Lehrer über solche Hetzereien informieren. Ich jedenfalls würde deshalb solche Feindseligkeiten nicht dulden, das sollten sie nur wissen.
Derartige Klassengespräche erfordern natürlich Fingerspitzengefühl wie auch Reflexion – und keineswegs gelingt dabei stets jeder Handgriff. Aber ist das ein Grund, die Dinge vorzeitig aus der Hand zu geben – und damit an Einfluss zu verlieren? Gute Lehrer sind wie Kapitäne, ihr Metier sollte nicht nur Meereskundigkeit sein, sondern auch Mannschaftsführung. Und auch Letzteres lässt sich erlernen, von erfahrenen Kollegen, aus guten Büchern – und dann eben im Vollzug.
Ach ja, ich habe dann noch allen Eltern einen Brief geschrieben; ob sie sich nicht regelmäßig darüber informieren möchten, was ihr Kind im Netz so alles treibt – letztlich seien nämlich sie für die Folgen mitverantwortlich. Später habe ich dann erfahren, dass einige ihr Kind bei Whatsapp abgemeldet haben, andere hatten das Smartphone erst einmal durch ein einfaches Handy ersetzt. Auch wenn es paradox klingt: Manch' neue Freiheit erfordert neue Beschränkungen, weil viele Heranwachsende ohne Hilfestellung überfordert sind, und weil alles medienkritische Erörtern und Mahnen im sozialen Sog der Peergroup allzu schnell untergeht.
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Michael Felten  (61) beantwortet auf ZEIT ONLINE Ihre Fragen zur Schule. Er hat eine Tochter und arbeitet seit über 30 Jahren als Gymnasiallehrer. Neben Erziehungsratgebern veröffentlichte er zahlreiche Beiträge zu Bildungsfragen. www.eltern-lehrer-fragen.de
zeit.de 09.12.2013