17.01.2014 - (dpa) – Schülerlabore und Schülerwettbewerbe wie die Mathematik-Olympiade haben noch nicht den Durchbruch für das oft ungeliebte Fach gebracht. Die Mathematik-Didaktikerin Kristina Reiss von der School of Education der Technischen Universität München (TUM) möchte, dass die Mathematik so beliebt wird wie ein "Breitensport". Was dazu beitragen kann, erläutert die Wissenschaftlerin in einem Interview des dpa- Dossiers Bildung Forschung.

Was müsste Ihrer Auffassung nach geschehen, um den Mathe- Unterricht zu verbessern? Welche Handlungsempfehlungen würden Sie beispielsweise dazu den Kultusministern der Länder oder den Hochschulen für die Lehrerausbildung geben?

Kristina Reiss: Es ist ein altes Bonmot, dass in der Schule nicht Fächer, sondern Kinder bzw. Jugendliche oder Heranwachsende unterrichtet werden. Diese Einsicht ist zentral für guten Unterricht. Die Vermittlung fachlicher Inhalte setzt voraus, dass Interessen und Motivationen der Schülerinnen und Schülern besser beachtet werden. Das gilt beispielsweise für die Art der Aufgaben, die im Mathematikunterricht eingesetzt werden. Eher technische und an Algorithmen ausgerichtete Aufgaben erfreuen sich in der Regel nicht großer Beliebtheit bei den Schülerinnen und Schülern. Wichtig wäre es sicherlich, die Bedeutung des Faches deutlich zu machen. Wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass deutsche Schülerinnen und Schüler in den Naturwissenschaften sehr erfolgreich waren und dort insbesondere interessante und für die Jugendlichen relevante Anwendungen thematisiert werden, dann bekommt man gute Hinweise für eine Verbesserung der "Aufgabenkultur" im Mathematikunterricht. Ihr kommt meiner Meinung nach eine zentrale Bedeutung zu.

Vergleichsstudien auch für ganze Schulbezirke nutzen

Aber auch die individuelle Förderung darf nicht unterschätzt werden. In unserer Gesellschaft kommt es einerseits immer stärker darauf an, Begabungsreserven zu erkennen und diese Schülerinnen und Schüler zu fördern. Es kommt andererseits aber auch darauf an, alle Schülerinnen und Schüler mit einem (nicht nur) mathematischen Grundwissen aus der Schule zu entlassen, das eine Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen erlaubt. Eine solche individuelle Förderung setzt in den Schulen die entsprechende Infrastruktur voraus, wobei sie auf gesellschaftliche und politische Unterstützung angewiesen sind. Wir haben in Deutschland seit etwa zehn Jahren Bildungsstandards, die auch regelmäßig in Vergleichsarbeiten überprüft werden. Es wäre zu wünschen, dass die Ergebnisse weit mehr als derzeit benutzt werden, um Handlungsbedarf zu identifizieren – nicht in Bezug auf einzelne Schülerinnen und Schüler, sondern in Bezug auf ganze Schulen oder Schulbezirke.

In der Lehrerausbildung gibt es reichlich Handlungsmöglichkeiten und Handlungsbedarf. Selbstverständlich muss die Universität Fachwissen vermitteln, aber pädagogisches und fachdidaktisches Wissen ist für den Beruf des Lehrers oder der Lehrerin nicht minder wichtig. Wir müssen angesichts der Wissensfülle in den Lehramtsstudiengängen viel sorgfältiger abwägen, was für ein Fach unverzichtbar oder wesentlich ist. Auch im Lehramt kann auf lebenslanges Lernen im Sinne eines continuing professional development nicht mehr verzichtet werden, so dass in der Erstausbildung der Aspekt des Grundlagenwissens eine viel wichtigere Rolle bekommen muss.

Trotz etlicher Projekte im MINT-Bereich hat sich laut PISA 2012 der Vorsprung der Jungen in Mathematik im Vergleich zu den Mädchen in Deutschland sogar noch vergrößert. Was läuft falsch, was wäre zu tun?

Kristina Reiss: Man kann feststellen, dass auch im Durchschnitt der OECD- Länder die Mädchen im PISA-Mathematiktest etwas schlechter abschneiden als die Jungen. Aber es gibt Ausnahmen. Das sind beispielsweise Jordanien und Katar (allerdings keine OECD-Mitgliedstaaten), wo es zwar erhebliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, die allerdings zuungunsten der Jungen ausfallen. Auch in Finnland und Schweden zeigen die Mädchen leicht bessere Ergebnisse als die Jungen. In Norwegen sind Jungen zwar etwas besser, aber allen drei Ländern in Nordeuropa ist gemeinsam, dass die Unterschiede gering und nicht aufregend sind.

Empirische Studien zeigen, dass Mädchen noch mehr als Jungen Unterstützung im Unterricht haben möchten. Ihnen wäre also mit einer besseren individuellen Förderung durchaus geholfen. Auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist bei Mädchen weniger gut ausgeprägt, so dass sich auch hier Handlungsmöglichkeiten für die Lehrkraft ergeben. Weil die unterschiedlichen Ergebnisse insbesondere dadurch zustande kommen, dass Mädchen in den oberen Kompetenzstufen weniger stark vertreten sind als die Jungen, könnte mit einer Konzentration auf Begabungsreserven eine bessere Angleichung erzielt werden. In den universitären Studiengängen für das Fach Mathematik sind junge Frauen mittlerweile gut vertreten, so dass das Potenzial offensichtlich gegeben ist. Darüber hinaus zeigen die PISA-Ergebnisse, dass Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen in Deutschland etwas geringer sind, wenn es um das Anwenden von Mathematik geht. Dazu passen dann auch die guten Leistungen in den Naturwissenschaften, bei denen aktuelle relevante Anwendungen betrachtet werden. Interessante Aufgabenstellungen konnten somit gerade bei Mädchen ein wichtiger Hebel für bessere Leistungen sein.

Seit 2003 hat sich bei beiden Geschlechtern die Freude an Mathematik verringert. Was könnten Ihrer Beobachtung nach die Gründe dafür sein und wie könnte gegengesteuert werden?

Mathe perfekt für Problemlösen

Kristina Reiss: Vermutlich liegt es auch hier eher an den Inhalten des konkreten Mathematikunterrichts, dass wenig Freude aufkommt. Es würde sicherlich helfen, wenn sowohl die Relevanz für den Alltag der Kinder und Jugendlichen als auch der spielerische Kern des Faches deutlicher zum Tragen kommen würden. Mathematik ist eine perfekte Umgebung für das Problemlösen, was viele Schülerinnen und Schüler anspricht. Sicherlich ist es auch wenig förderlich, dass Mathematik nicht selten mehr als ein Prüfungsgegenstand denn als eine Lerngelegenheit und ein Lernangebot wahrgenommen wird.

Das wunderbare Wort "Bildung" gehört ganz eng zur Mathematik als einer Wissenschaft mit einer viele tausend Jahre alten Geschichte. Offensichtlich gibt es hier kaum schnelle Rezepte. Verbände wie die Deutsche Mathematiker Vereinigung (DMV) bemühen sich schon lange und mit zahlreichen Maßnahmen, dem Image der Mathematik "auf die Sprünge zu helfen". Schülertage und Schülerwettbewerbe, die in vielen Städten und Regionen angeboten werden, haben ein ähnliches Ziel. Die PISA-Ergebnisse machen deutlich, dass diese Arbeit leider nicht erfolgreich genug ist. Vielleicht sollte man noch mehr in den Blick nehmen wie Mathematik zum "Breitensport" werden kann.

Fragen: Ursula Mommsen-Henneberger, (dpa-Dossier Bildung Forschung Nr. 04/2014, 20. Januar 2014)

bildungsklick.de 17.01.2014