Spicken war schon immer schwer, und Minisender in Knöpfen und Brillen haben es anscheinend nicht einfacher gemacht. In China sind gleich Tausende Studenten beim High-Tech-Schummeln erwischt worden. von Swantje Karich

Gibt es Leute, die von sich sagen können, noch nie geschummelt zu haben? In China sind jetzt 2440 Studenten gleichzeitig bei der Abschlussprüfung in Pharmazie erwischt worden. Aber nicht alle beherrschen anscheinend den Betrug. Man muss ein guter Schauspieler sein. Schummeln ist wahnsinnig anstrengend, ja mühsam, manchmal sogar gesundheitsgefährdend. Man muss die abgefragte Information auf einen klitzekleinen Zettel schreiben und das Papier gut verstecken. Und dann: cool bleiben, wenn das Herz klopft, das Adrenalin sein Übriges tut, die Hände nass werden. Langsam aufstehen, im natürlichen Schritt rausgehen. Dem Lehrer ein entspanntes „Ich gehe mal auf die Toilette“ zurufen.

Ganz vorsichtig holt man dort den Zettel aus dem Schuh und faltet ihn lautlos auseinander. Die richtige Stelle will schnell gefunden werden. Inhalte einprägen. Zettel wieder zusammenfalten und im Schuh verschwinden lassen. Zurück ins Klassenzimmer. Nicht hetzen, das fällt sonst auf. Die richtige Formel aufschreiben. Geschafft.

Zurück zum Analogen

In der 3sat-Sendung „Lügen und Betrügen“ erzählten zuletzt deutsche Schüler von ihren Methoden:

Taschentücher mit Notizen, Mappe auf dem Klo verstecken, Oberschenkel bemalen, Zweithandy unterm Tisch, Etikett der Wasserflasche beschriften oder die Lösungen in hellster Graustufe auf die Rückseite eines karierten Blattes drucken. Der gute alte Spickzettel sei immer noch ein Renner an den deutschen Schulen, sagen sie. Die 2440 Studenten in China haben ihre Freizeit nicht mit dem Beschreiben von Spickzetteln verbracht. Sie treffen sich auch nicht auf den Schultoiletten.

Sie benutzen Radiergummis mit Minibildschirmen, Displays in Uhren und Brillengestellen – oder wie im jüngsten Fall sogar reiskornkleine Empfänger im Ohr. Eine Stimme liest ihnen dann Zahlenkolonnen vor, nach denen sie ihre Haken setzen. Wie aber sind die Betrüger an die Antworten gekommen? Sie benutzen in Knöpfe eingelassene Kameras, um die Examensfragen zu filmen und zu verschicken, die Antworten folgen per Fernübertragung. Aufgeflogen sind die Banden nicht etwa wegen schlechter Schummel-Schauspieler oder aufmerksamer Prüfer, sondern weil ein Telefontechniker, völlig unwissend, die Frequenz abhörte und sich über die merkwürdigen Botschaften wunderte.

Dass nicht nur die Studenten mit Überwachungstechnik umgehen können, sondern auch der chinesische Staat, ist bekannt: Die zentrale Hochschulaufnahmeprüfung gleicht mittlerweile einem Prozess im Hochsicherheitstrakt – mit ausgefeilter Videobeobachtung, Metalldetektoren, Funkabschirmung und Peilwagen. Da kann man den Millionen chinesischen Studenten nur eines empfehlen: die Rückkehr zum analogen Spickzettel. Alle Infos dazu gibt’s digital auf www.spicken.net.

faz.et 29.10.2014