Dr. Anne Klostermann Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs)

Attraktive Gesichter fesseln die Aufmerksamkeit: dies gilt besonders für Männer, die schöne Frauengesichter sehen. Zu diesem Ergebnis kommen Psychologen der Universität Wien in einer aktuellen Studie. In zwei Experimenten zeigten sie 80 Probanden unterschiedlich attraktive Gesichter von Männern und Frauen. Es zeigte sich, dass schöne Gesichter - unabhängig vom Geschlecht - länger angeschaut werden als unattraktive Gesichter. Unterschiede gibt es aber auf der Seite des Betrachters - und zwar zwischen Männern und Frauen.

21.04.2015 - Aus der Attraktivitätsforschung ist schon länger bekannt, dass bestimmte Merkmale, wie zum Beispiel die Symmetrie eines Gesichts, allgemein als schön bewertet werden. Weniger bekannt ist, ob das, was man schön findet, auch unwillkürlich die Aufmerksamkeit beeinflusst. Die Forschergruppe um den Kognitionspsychologen Ulrich Ansorge ist der Frage nachgegangen, ob die Attraktivität von Gesichtern Auswirkungen auf Aufmerksamkeit und auf schnelle, sprunghafte Augenbewegungen hat – und ob es hierbei möglicherweise Geschlechtsunterschiede gibt.
Blicke bleiben an schönen Gesichtern länger hängen
Im ersten Experiment zeigten sie 40 Probanden am Computer Bilder von unterschiedlich attraktiven Männer- und Frauengesichtern. Nach einer Sekunde erschien zusätzlich ein Punkt auf dem Bildschirm und die Aufgabe der Versuchsteilnehmerinnen und –teilnehmer bestand darin, so schnell wie möglich auf diesen Punkt zu schauen. Es wurde registriert, wie lange es dauerte, bis der Punkt fixiert wurde und welche Augenbewegungen dabei erfolgten. Nach Abschluss mehrerer Versuchsdurchgänge beurteilten die Probanden zusätzlich alle Gesichter hinsichtlich ihrer Attraktivität.
Es zeigte sich, dass die Aufmerksamkeit von attraktiven Gesichtern langsamer abgewandt wurde als von weniger attraktiven Gesichtern. Betrachter bleiben bei einem schönen Gesicht also länger „hängen“.
Männer reagieren schneller auf attraktive weibliche Gesichter
Im zweiten Experiment wollten die Forscher wissen, ob schöne Gesichter die Aufmerksamkeit bei Frauen und Männern in gleichem Maße anziehen. Dazu wurden 20 Frauen und 20 Männern am Bildschirm gleichzeitig zwei schöne Gesichter unterschiedlichen Geschlechts gezeigt. Zunächst sollten sie einen Punkt in der Mitte des Bildschirms zwischen den Gesichtern fixieren. Nach kurzer Zeit erschien um ein Gesicht ein grüner und um das andere ein gelber Rahmen. Die Beteiligten sollten ihren Blick so schnell wie möglich auf das Gesicht im gelben Rahmen lenken. Mal befand sich im gelben Rahmen das Gesicht einer schönen Frau, mal das Gesicht eines schönen Mannes.
Die Autoren analysierten auch hier wieder Reaktionsgeschwindigkeit und Blickbewegungen. Sie fanden, dass männliche Versuchspersonen schneller auf attraktive weibliche Gesichter als auf attraktive männliche Gesichter reagierten – während es bei weiblichen Versuchspersonen keinen solchen Effekt gab. Frauen reagierten sowohl auf attraktive Männer als auch auf attraktive Frauengesichter ähnlich schnell.
Auch die subjektiven Attraktivitätsurteile in beiden Experimenten zeigten, dass Männer Frauengesichter als attraktiver bewerteten als die Gesichter von anderen Männern.
„Schöne Gesichter bekommen mehr Aufmerksamkeit. Das konnten wir mit unserer Analyse des Blickverhaltens zeigen. Zwar haben wir uns vor allem auf die Schönheit der Gesichter beschränkt, aber unsere Methoden kann man problemlos auf andere Objekte und Fragestellungen anwenden“, sagt Christian Valuch, der die Studie durchgeführt hat.
„Ein besseres Verständnis der menschlichen Aufmerksamkeit ist zum Beispiel auch für die gute Gestaltung von Unterrichtsmaterialien und Medieninhalten, wie Büchern oder Videos und die klinische Forschung relevant, die zunehmend an Aufmerksamkeitsprozessen interessiert ist“, ergänzt Prof. Ulrich Ansorge.
Die Originalstudie finden Sie hier:
Valuch, C., Pflüger, L. S., Wallner, B., Laeng, B., & Ansorge, U. (2015).
Using eye tracking to test for individual differences in attention to attractive faces. Frontiers in Psychology, 6:42. doi:10.3389/fpsyg.2015.00042