Frontalunterricht ist weiter Normalität in deutschen Schulen. Wegen der zunehmenden Vielfalt im Klassenzimmer muss sich das dringend ändern, fordern Bildungsforscherinnen. - von Amory Burchard

Heterogenität im Klassenzimmer ist seit gut 15 Jahren ein Großthema in der deutschen Bildungsforschung und -politik. Zum Pisa-Schock gehörte die Erkenntnis, dass Lehrkräfte häufig nicht dazu in der Lage sind, Schüler aus unterschiedlichen sozioökonomischen Milieus und Bildungshintergründen sowie mit vielfältigen Lernpotenzialen in einer Gruppe angemessen zu fördern und zu fordern.

Nach einer Expertise der Potsdamer Professorin für Empirische Unterrichtsforschung, Miriam Vock, hat sich sich dieser Befund bis heute nicht grundlegend geändert.

Vock hat im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung gemeinsam mit Anna Gronostaj von der Deutschen Schulakademie einen Überblick zum „Umgang mit Heterogenität in Schule und Unterricht“ erstellt (hier geht es zur Studie).

Differenziertes und individualisiertes Lernen wichtiger denn je

„Vor allem an den weiterführenden Schulen heißt Unterricht bis heute Frontalunterricht“, sagte Vock am Donnerstag bei der Präsentation der Studie in Berlin. Dabei sei differenziertes und individualisiertes Lernen wichtiger denn je, weil sich Vielfalt im Klassenzimmer noch deutlich erhöht hat. Zu den bestehenden Unterschieden ist die Inklusion von Schülern mit Behinderungen gekommen; dazu ist Deutschland durch die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet. Neue Herausforderungen kamen mit den Flüchtlingen: Nach dem großen Zustrom von 2015 hat die Mehrzahl der neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen jetzt dieRegelklassen erreicht.

In ihrer Expertise geben Vock und Gronostaj eine Reihe praktischer Empfehlungen, wie Lehrkräfte konstruktiv mit Heterogenität umgehen können. Ein Instrument ist das „Gruppenpuzzle“. Dabei wird die Klasse in mehrere kleine Arbeitsgruppen aufgeteilt – nach dem individuellen Leistungsstand der Schülerinnen und Schüler.

Klappt die Gruppenarbeit, hat die Lehrkraft Zeit, Einzelnen zu helfen

Die Fortgeschrittenen erarbeiten gemeinsam ein eigenes Projekt. In anderen Gruppen lösen sie selbstständig Übungsaufgaben, um später zur Projektarbeit zu kommen. Die am wenigsten Fortgeschrittenen brauchen noch die direkte Hilfestellung der Lehrkraft. Die kann sie ihnen geben, weil sie dank der selbstständigen Gruppen den Rücken dafür frei hat.

Solche Formate inhaltlich zu füllen, sei oft schwer, gibt Vock zu. Es fehle an erprobtem Material. Die Forscherin mahnt auch eine „feinere Diagnostik“ an, mit der Lehrkräfte die Wissens- und Verständnislücken ihrer Schüler diagnostizieren können. Unterschiede zu ignorieren und aus Überforderung am Frontalunterricht festzuhalten, sei jedenfalls keine Lösung. Es gehe darum, die Kinder zu ermutigen – „indem man ihnen signalisiert, dass sie gesehen werden“

tagesspeigel.de 31.03.2017