Bereit für die Zukunft – Gamechanger KI

VLWN-Berufsschultag: Wie wird die künstliche Intelligenz die berufliche Bildung
verändern?/Hochkarätige Referenten und über 100 Teilnehmende im Brainhouse247

 

Die rasante Veränderungsbeschleunigung der digitalen Transformation nimmt immer mehr Fahrt auf. Die Künstliche Intelligenz (KI) wirkt hier wie ein riesiger Booster. „Der dramatische Wandel, den KI vorantreibt, findet auf allen gesellschaftlichen Feldern statt und ereilt selbstverständlich auch die berufliche Bildung. Die Schulen müssen darauf vorbereitet sein, dem offen gegenüberstehen und entsprechend aufgestellt sein. Denn KI ist kein Sprachassistent, sondern eine Allzweckwaffe, die täglich besser wird, eine gigantische Machtverschiebung bedingt und damit Veränderungsprozesse erzwingt – räumlich, technisch, konzeptionell“, sagte Prof. Dr. Olaf-Axel Burow, Zukunftsforscher aus Kassel, als Keynotespeaker auf dem VLWN-Berufsschultag 2024, die zu dem gut 100 Berufsbildner ins Brainhouse247 nach Laatzen gekommen waren, inspirierende Impulse erhielten und in dem Co-Work-Space 3.0 schon mal räumlich nachspüren konnten, wie die Schule der Zukunft aussehen könnte.

„Gerade weil wir im Zeitalter der großen Beschleunigung leben, müssen wir neue Wege des Lehrens und des Lernens beschreiten sowie Lernorte schaffen, die begeistern. Ansonsten laufen die Bildungsinstitutionen Gefahr, eine zunehmend ineffiziente und für viele Kinder eine demotivierende Einrichtung zu bleiben. Damit das Bildungssystem nicht zum Verlierer des technologischen Wandels wird, müssen Schulen hier selbst entgegenwirken, indem sie eine schülerzentrierte neue Lehr-/Lernkultur unter kreativer Nutzung digitaler Medien und von KI proaktiv entwickeln“, sagte Prof. Dr. Burow, der in einem rasanten Tempo durch alle angrenzenden Themenfelder galoppierte.

„Es ist allerorts zu erkennen und zu spüren, dass die Veränderungen in der Gesellschaft flächendeckend stattfinden. KI ist ein Allzweckfaktor, der enormes Potenzial beinhaltet. Unternehmen gehen davon aus, dass mit KI perspektivisch Effizienzsteigerungen von bis zu 500 Prozent möglich sind. Aus Sicht der Berufsbildner steckt darin enormes Entlastungspotenzial, das wir schöpfen müssen. Denn Lehrkräfte wachsen bekanntermaßen nicht auf Bäumen. Der Lehrkräftemangel wird zunehmen. KI ermöglicht neue Unterrichtskonzepte und hilft Bürokratie abzubauen, um dem wachsenden Delta entgegenzuwirken“, sagte Joachim Maiß, VLWN-Vorsitzender, in seiner Begrüßungsrede.

Für Marco Hartrich, Staatssekretär im Niedersächsischen Kultusministerium, ist KI ein Gamechanger, um Schule neu zu denken. „Eine Reglementierung von KI oder gar ein Verbot, wie hier und da gefordert, ist indiskutabel. Denn die Schülerinnen und Schüler nutzen schon heute KI vollumfänglich. Also müssen wir die Schulen entsprechend aufstellen, neue Lern- und Prüfungsformate entwickeln, Aufgaben entsprechend anpassen und den richtigen Umgang mit KI vermitteln. Dabei ist Medienkompetenz essenziell, um beurteilen zu können, ob das, was die KI an Texten oder Bildern generiert hat, auch sachlich richtig ist. KI birgt großes Potenzial für ein selbstbestimmtes und selbstorganisiertes Lernen, bei dem Lehrkräfte zu Lernpartnern werden. Natürlich werden wir mit dem NLQ ein breites Fortbildungsangebot schaffen, um die Lehrkräfte fachlich auf KI einzustimmen. Losgelöst davon haben bereits mehr als 15 000 Lehrkräfte von sich aus eine entsprechende Fortbildung gemacht“, sagte Hartrich, der multiprofessionelle Teams an den BBS für elementar hält, um durch deren Unterstützung die berufliche Bildung zukunftsfähig aufzustellen.

Was auch nötig ist. Denn im Grunde ist das öffentliche Schulsystem noch immer im Preußentum verhaftet – trotz aller Positivimpulse und der zunehmenden Zahl an Leuchtturmprojekten. „Die letzte echte Schulreform fand 1911 statt, als die 45-Minuten-Stunde eingeführt wurde“, sagte Prof. Dr. Burow mit humorvollem Unterton in der Stimme und betonte: „Um das System vorausschauend widerstandsfähig zu machen, spielt Resilienz eine entscheidende Rolle. Schulen müssen sich öffnen, Experimentierräume mit Learnlabs werden, um kollaboratives Lernen zu ermöglichen, wo mit Lust und Leidenschaft gelernt wird anstatt von oben oktroyiert.“

Dabei wandle sich auch die Rolle der Lehrkräfte, die Lernpartner und Motivatoren werden, anstatt nur Wissensvermittler zu bleiben, die Kompetenzen und Neigungen erkennen und fördern. Fakt ist: Die Traditionsschule hat ebenso ausgedient wie der Frontalunterricht. „Fakt ist aber auch, dass 70 Prozent der Lehrkräfte im Grunde weitermachen wollen wie bisher und sich der Veränderung verweigern. Ebenfalls Fakt ist, dass 12 Prozent aller Schülerinnen und Schüler schon heute auf private Schulen gehen. Diese Zahl wächst rapide. Um nicht auf der Strecke zu bleiben, müssen Schulen Innovationsräume werden, wo leidenschaftlich engagierte Lehrkräfte Neigungen und Talente fördern“, sagte Burow, der als Positivbeispiel für die Schule der Zukunft immer wieder die Allemannenschule in Wutöschingen benannte.

Viel Input in kurzer Zeit, der erst einmal verarbeitet werden wollte. Nach einem kurzen Austausch bei einer Tasse Kaffee, ging es mit vier Input-Vorträgen weiter, die thematisch das Nachmittags-Workshopprogramm vorstellten. Input 1: Dr. Daniel Kudenko, Projektleiter des L3S der Leibnitz-Universität, stellte die Frage „Generative KI in der Schule – was nun?“ und beantwortete sie auch gleich selbst: „Die KI ist längst da. Den Kopf in den Sand zu stecken, bringt nichts, da die Schülerinnen und Schüler wie selbstverständlich damit umgehen. KI zu regulieren bringt auch nichts, weil sie außerhalb der Schule allgegenwärtig ist. KI ist aber auch kein Allheilmittel und kein Erlöser, da sie limitiert ist, Fehler macht und Lehrkräfte nicht ersetzen kann. KI muss man als Werkzeug verstehen und als Assistenten nutzen. Da liegt das Potenzial.“

ChatGPT und Co wurden anfänglich mit gigantischen Datenmengen aus dem Internet gefüttert, um Antworten auf Fragen (Pompts) liefern zu können. Prompts sind kurze Hinweise, die in Form von allgemeinen Fragen oder genauen Ausführungsanleitungen die KI instruieren, einen bestimmten Text zu generieren. Je genauer die Fragestellung, desto besser das Ergebnis. Darum ist es beim Umgang mit KI essenziell, Prompts so formulieren zu können, dass die gewünschten Antworten herauskommen. KI kann gut Bilder generieren, Texte verbessern und zusammenfassen, um Wissen strukturiert präsentieren zu können.

„Was KI nicht gut kann, ist faktisch korrekt antworten, die Fehlerquote liegt bei 20 Prozent. KI ist auch nicht in der Lage, neues Wissen zu generieren. Und KI kann auch nicht mutmaßen, was der Nutzer möchte. Deshalb ist die richtige Fragestellung so wichtig. Das Wissen darum muss in Schule vermittelt werden. Und: KI ist manipulativ und manipulierbar. Das sollte man nie vergessen“, sagte Dr. Kudenko, und betonte: „Für Schulen bietet KI 24/7 individuelle Unterstützung beim Lernen, ersetzt aber in keiner Weise Fleiß und Motivation. Lehrkräften bietet KI Hilfe für die Vorbereitung von Unterricht, schafft Freiräume, um sich intensiver um die originären Aufgaben kümmern zu können.“

Input 2 lieferte Cornelia Schneider-Pungs von Microsoft Deutschland, die via Teams aus London zugeschaltet war, und vor Ort von Julia Streitel, Senior Consultant Change Management beim Beratungsunternehmen Campana & Schott, bei der Fragestellung „Endlich Entlastung!? KI löst das Bürokratieproblem!?“ unterstützt wurde. „KI ist das bestimmende Hauptthema, das auch Microsoft umtreibt. Wir integrieren KI in die Standardsoftware, um Abläufe zu automatisieren oder Prozesse deutlich zu beschleunigen. Mittlerweile haben wir 1600 KI-Funktionen, die in Apps implementiert werden können. Copilot für M365 birgt speziell für das Bildungssegment Effizienzgewinne. Beispielsweise können Protokolle ganz einfach zusammengefasst und auf Wunsch visuell als Präsentation ausgegeben werden. Viele administrative Tätigkeiten können auf Copilot übertragen werden. Das bringt Zeitersparnis mit sich und schafft Freiräume“, sagte Schneider-Pungs.

Julia Streitel beleuchtete die Vorzüge des Copilots aus Unternehmenssicht und berichtete vom Praxistest. „Das Tool ist einMeilenstein, keine Frage. Es ist über alle M365-Apps anwendbar, hilft bei der spezifischen Suche, kann in Outlook Mails vorformulieren, Präsentationen generieren und steigert damit im Arbeitsalltag die Effizienz. Grundvoraussetzung dafür ist aber, dass die Anwenderin und Anwender wissen, was sie tun. Ansonsten ist das Ergebnis nicht viel wert. Für Schule heißt das, dass der Umgang mit KI ein zentraler Lerninhalt sein muss. Letztlich sagt der Name des Tools alles. Copilot ist ein nützlicher Co-Pilot.“

Input 3 lieferten Daniel Gaida, Johannes Feibermair und Christian Burrichter von n21, die KI ausschließlich auf Open Source-Basis nutzen und demonstrierten, wie denn bereits vorhandene Inhalte aus den digitalen Kurs-Boards über ein Sprachmodel so dialogfähig werden, dass sie den Empfehlungen der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der KMK zum Umgang mit KI entsprechen. Ergänzt um Unterrichtsbeispiele, war ihr Thema „KI als Tutor für das Lernen“.

Und nachdem Prof. Dr. Burow als Keynotespeaker bereits eine Stunde kurzweilig auf das Thema eingestimmt hatte, lieferte er den Input 4 und ludt zur Zukunftswerkstatt ein. Im Dialogformat warb er für den Mindchange im Unterricht und betonte, dass mit KI-Unterstützung Lernen und Lehren in Dimensionen gelingen kann, die vorher nicht möglich waren.

Die Conclusio nach sechs intensiven Stunden rund um KI: „Wenn es uns gelingen würde, in Niedersachsen eine BBS nach Vorbild der Allemannenschule aufzubauen und den Unterricht KI-gestützt voranzubringen, befinden wir uns auf Zukunftskurs. Das Brainhouse247 bietet eine räumliche Blaupause, wie Schulgebäude aussehen und ausgestattet sein müssen, um attraktive Lernorte zu sein. Trotz der immer rasanteren Transformationsgeschwindigkeit müssen wir uns die Zeit nehmen, um effiziente Formate für den Einsatz der KI zu entwickeln. Nur so werden wir auf Gegenwartskurs bleiben. Es ist wohl allen klar, dass wir Schule ändern müssen. Und es ist an uns, die Politik zu bewegen, damit etwas passiert. Dafür setzt sich der VLWN ein“, sagte Joachim Maiß, bevor das Brainhouse247-Team zum Erlebnisrundgang durch die Arbeitswelten von morgen ludt.

 

 

 

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