Anforderung an berufliche Schulen heute und morgen
Die berufliche Bildung steht vor besonderen Herausforderungen. Berufsbildenden Schulen mangelt es dabei vielerorts an adäquaten Rahmenbedingungen, um junge Menschen bestmöglich zu beschulen – angefangen von ausreichender Unterrichtsversorgung, über angemessene IT-Infrastruktur bis hin zu lern-wirksamen Konzepten, die den heterogenen Lernvoraussetzungen der jungen Menschen Rechnung tra-gen. Aus diesem Grund beleuchten die IHK Niedersachsen (IHKN) und die vier niedersächsischen Ver-bände der beruflichen Bildung (BLVN, NDVB, SLVN, VLWN) in ihrem gemeinsamen Papier „Anforderun-gen an berufliche Schulen heute und morgen“, wie sich die beruflichen Schulen unter den veränderten Bedingungen weiterentwickeln müssen. #zukunftbbs
Thinktank II – Die BBS der Zukunft nimmt Gestalt an
Den Herausforderungen der beruflichen Bildung lösungsorientiert begegnen und Schule an der Stelle neu denken: Knapp ein Jahr, nachdem der erste Thinktank zur “BBS der Zukunft” mit zukunftorientierten Visionen endete, fand jetzt in Hannover die Folgeveranstaltung statt. Rund 20 Vertreter:innen aus Schulen, Schulleitung, Studienseminaren, Universität, Wirtschaftsförderung, Betrieben sowie Schulverwaltung trafen sich, um das Konzept einer modernen, KI-gestützten Berufsschule weiterzuentwickeln. Hier das Ergebnis:
- Ausgangspunkt und Zielsetzung des ThinkTanks
Der zweite ThinkTank zur BBS der Zukunft hatte die Aufgabe, das Konzept einer modernen, KI-gestützten berufsbildenden Schule weiterzuentwickeln und erstmals nicht mehr als Brainhouse247-Modell, sondern als integralen Bestandteil des geplanten OneTechCampus in Garbsen zu denken. Der OneTechCampus ist ein Technologie- und Innovationsstandort der Region Hannover, der u. a. Makerspaces, Lernfabriken, Coworking-Strukturen und ein Zentrum für neues Lernen umfassen soll. Damit verschiebt sich die Perspektive: Die BBS der Zukunft soll realer, physischer Bestandteil eines regionalen Innovationsökosystems werden – eng verbunden mit Universität, Betrieben, Start-ups und dem Studienseminar. - Einstieg: Videoimpuls und Reaktionen
Ein KI-generiertes Zukunftsvideo diente als Einstieg und sorgte für lebhafte Reaktionen – eine Mischung aus Überraschung, Skepsis und Neugier („Kies“). Es verstärkte den Eindruck, wie radikal sich Schule in den kommenden Jahren verändern wird. - Vorstellung des OneTechCampus durch die Wirtschaftsförderung
Dr. Oliver Brandt erläuterte den aktuellen Planungsstand des OneTechCampus:
- Sieben Gebäudeeinheiten, 62.000 m² Bruttogeschossfläche
- Baubeginn ab Q2/3 2026
- Schwerpunkte: Makerspaces, Lernfabriken, Techfactory, Zentrum für neues Lernen
- Fokus auf projektbasiertes, kollaboratives Arbeiten mit realen Problemstellungen in gemischten Teams
Die Teilnehmenden sahen darin einen hochattraktiven Standort für eine neue Form berufsbildender Schule.
- Diskussion: Rolle der BBS der Zukunft am OneTechCampus
In der Gruppe bestand schnell Einigkeit über zentrale Punkte:
✅ Die BBS der Zukunft soll ein eigenständiger, zentraler Bestandteil des Campus sein. Nicht lediglich ein Angebot oder Projektlabor für bestehende Schulen.
✅ Sie soll schrittweise wachsen:
- Startphase: Verzahnung bestehender Schulen, Projekte vor Ort
- Zielperspektive: Eine eigenständige Landesberufsschule, die Ausbildung, Weiterbildung und Lehrkräftebildung integriert.
✅ Öffentliche Trägerschaft mit PPP-Elementen bevorzugt Alle Beteiligten sprachen sich klar gegen eine private Trägerschaft aus. Allerdings sollen Unternehmen intensiv beteiligt sein.
- Weiterentwicklung der pädagogischen Leitidee
5.1 Demonstration des KI-Demonstrators an der BBS Burgdorf Der Doktorand Dren Fazlija (L3S) zeigte den aktuellen Stand des KI-Systems, das als schulinterner RAG-Chatbot läuft. Eike Ehlers beschrieb den Prozess der Integration schulischer Materialien. Bezug zu Inhalten des Protokolls: KI auf niedersächsischen Servern, Materialpipeline, Pilotstatus Einschätzungen der Gruppe:
- Gute Basis, aber nur ein Einstieg – „noch kein finales System“
- Denkbar ist später auch eine kommerzielle Lösung
- Wichtig: Balance zwischen Individualisierung und pädagogischer Steuerung
5.2 Bezug zu Hattie Die Gruppe diskutierte Hatties Warnung vor „übertriebener Individualisierung“ und stellte klar: Die BBS der Zukunft setzt nicht auf Alleinarbeit, sondern auf strukturierte, teamorientierte Projekte mit klarer Lehrerführung. Dies entspricht Hatties Forderungen nach hohem Anspruch, Feedbackkultur und pädagogischer Führung.
- Didaktisches Rahmenmodell
Die Diskussion führte zu einem weitgehend einhelligen Bild eines modernen, KI-gestützten pädagogischen Designs:6.1 Individuelle Lernpläne auf Basis realer Projekte
- Lernende erhalten einen individuellen Lernpfad
- Projekte bilden eine Perlenkette aufeinander aufbauender Einheiten
- Abdeckung von Rahmenlehrplänen + aktuellen Entwicklungen
6.2 Betriebliche Individualisierung
- Unternehmen sollen eigene Arbeitsprozesse über:
- digitale Berichtshefte
- Aufgabenpools
- regionale Datenbanken
einbringen können. Vergleich zu Österreich: Betriebsdatenbank als regionales Matching- und Lernplanungssystem.
6.3 Rolle der Lehrkräfte
- Lehrkräfte werden zu Lernbegleiter:innen, Coaches und Diagnostiker:innen
- KI liefert Daten zu Lernfortschritten, Problemen und Empfehlungen
- Lehrkräfte bleiben zentrale Lernarchitekten (vgl. Hattie)
- 6.4 Regionale Datenbank Wie im “Weißen Elefanten” vorgeschlagen: Eine regionale Plattform mit Unternehmens-, Hochschul- und Bildungsdaten zur Unterstützung von:
- Lernpfadgenerierung
- Matching-Prozessen
- Projektfindung
- Kooperationen
- Prüfungen, Dokumentation und Kompetenznachweise
Die Kammerprüfungen („heimlicher Lehrplan“) müssen weiterhin berücksichtigt werden. Die Denkweise des ThinkTanks:
- Prüfungen dürfen Innovation nicht bremsen, müssen aber anschlussfähig bleiben
- Projektdokumentationen bilden Kompetenzfortschritte ab
- KI unterstützt formative Diagnostik, nicht summative Prüfungen
- Die BBS der Zukunft als Ort der Lehrkräftebildung
Ein zentraler neuer Gedanke: Die BBS der Zukunft soll alle drei Phasen der Lehrkräftebildung integrieren:
Studium (Universität)
Vorbereitungsdienst (Studienseminar)
Fortbildung (aktive Lehrkräfte)
Damit würde der Campus ein Leuchtturmprojekt weit über Niedersachsen hinaus – ein Ansatz, der sogar die Nürnberger WiPäd-Trial-Modelle übertrifft. - Räumliche und kulturelle Anforderungen
Ein bemerkenswerter Punkt in der Diskussion: Eine zentrale Küche als kommunikativer Mittelpunkt der Schule. Begründung: Orte der informellen Begegnung sind essenziell für eine neue Lernkultur. Weitere Anforderungen (aus dem Weißer Elefant-Ansatz):
- offene Lernlandschaften
- projektorientierte Räume
- Lernfabriken und Makerspaces
- flexible Coaching-Zonen
- Feedbackrunde: Ergebnisse und politische Implikationen
Die Feedbackrunde ergab eine nahezu vollständige Übereinstimmung bei:
- Notwendigkeit eines echten Landesprojekts
- Starkem politischen Rückhalt
- Klarem Bekenntnis zur öffentlichen Trägerschaft
- Einmaliger Chance für Region Hannover und das Land Niedersachsen
- Bedeutung des Campus als wirtschaftspolitisches Signal (Fachkräfte, Innovation, Standortprofil)
Über die Universität Hannover wird eine Bachelor-/Masterarbeit ausgelobt, um das Marketingkonzept für die Idee zu entwickeln und die Reichweite zu erhöhen.
- Fazit
Der ThinkTank II hat gezeigt:
✅ Der OneTechCampus ist der ideale Standort für die BBS der Zukunft.
✅ Pädagogik, KI, Raum und Trägerschaft lassen sich zu einem kohärenten Gesamtkonzept verbinden.
✅ Der politische Moment ist günstig – und das Projekt hätte Strahlkraft weit über Niedersachsen hinaus.
✅ Die Beteiligten sind entschlossen – jetzt braucht es Ressourcen und politischen Willen.
Weiter vorausdenken: Nächster VLWN-Thinktank zur „BBS der Zukunft“
Den Herausforderungen der beruflichen Bildung lösungsorientiert begegnen und Schule an der Stelle neu denken – darum ging es beim ersten VLWN-Thinktank zur „BBS der Zukunft“. Ende Dezember 2024 erarbeiteten Teilnehmer aus Bildung, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik dafür entsprechende Ansätze. Der Think Tank war ein erfolgreicher Schritt, um eine zukunftsorientierte Vision für die BBS der Zukunft zu entwickeln. Das Konzept setzt auf Individualisierung, digitale Innovation und enge Verzahnung der Wirtschaft und dadurch mit der Praxis. Es bietet das Potenzial, die Berufsbildung in Niedersachsen und darüber hinaus nachhaltig zu transformieren. Seither hat sich einiges getan. Darum veranstaltet der VLWN am 5. November, 12.30-18 Uhr, in der „Work Life Academy“ in Hannover einen Folge-Think-Tank für denselben Teilnehmerkreis.
„In den letzten zwölf Monaten hat sich einiges bewegt. Wir haben intensive Gespräche bezüglich unserer Idee der BBS der Zukunft mit der Region Hannover geführt. Dabei ist eine konkrete Umsetzungsvision im Rahmen des TechCampus Garbsen entstanden“, sagt Joachim Maiß, VLWN-Vorsitzender. Die ursprüngliche Idee, die BBS der Zukunft im Brainhouse 24/7 in Laatzen anzusiedeln, hat sich zerschlagen und wird nicht weiterverfolgt. Mit der Bertelsmann-Studie zur Zukunft der Bildung hat das Konzept noch einmal namhafte Unterstützung erfahren.
Diese positiven Impulse sollen beim zweiten Thinktank in die weitere Diskussion mit einfließen und helfen, die Ansätze der Vorjahresveranstaltung zu konkretisieren und weiterzuentwickeln. Ziel ist, am Ende eine professionelle Konzeptversion zu haben, die als Grundlage für die Beratung in den Gremien der Region Hannover sowie im Niedersächsischen Landtag dient. Stefan Schlutter
Zukunft gestalten: ProReKo 2.0
Das ProReKo-Projekt, bei dem zwischen 2003 und 2007 19 berufsbildende Schulen in Niedersachsen teilnahmen und eigenverantwortlich agierten, war im Kern ein Erfolgsmodell. Mittlerweile haben andere Länder das niedersächsische Erfolgsmodell weit überholt. Die rot-grüne Landesregierung will die Selbst-bestimmung der BBS jetzt wieder stärken und hat deshalb im Koalitionsvertrag „ProReKo 2.0“ als ein elementares Instrument zur Stärkung der beruflichen Bildung festgeschrieben. Bisher ist ProReKo 2.0 nicht mehr als ein Begriff, der mit Leben gefüllt werden will.
Hier gilt es, dass die Verbände der beruflichen Bildung gemeinsam mit der Politik den Gestaltungsrahmen definierten. Dabei müssen die Ressourcen flexibel und eigenverantwortlich für den Bildungsauftrag genutzt werden können. Die Bandbreite des Hand-lungsfeldes reicht von der Stellenbewirtschaftung über flexible Lehrerarbeitszeitmodelle, einem frei ver-fügbaren Budget und ein Qualitätsmanagement, in das externe Bewertungen einfließen, bis hin zu ergän-zenden Bildungsangeboten unter Eigenregie der BBS. Mit diesem Instrumentenkoffer können Lehrkräfte und das Leitungspersonal gezielt entlastet und damit lange versprochene Entlastungspakete geschnürt werden sowie Ressourcen zeitgemäß gesteuert werden.
Zeitgleich lässt sich so die Attraktivität des Leh-rerberufs steigern, in dem angemessene Rahmenbedingen für den Arbeitsalltag geschaffen werden, wo-rüber der dringend benötige Lehrkräftenachwuchs gewonnen werden kann. Um die berufliche Bildung zu-kunftssicher aufzustellen, braucht es den Mut zu agilen Führungsinstrumenten nach dänischem Vorbild statt eines bürokratisch festgezurrten Korsetts, das keine Spielräume lässt. Schon bei ProReKo 1.0 war Dänemark ein Vorbild für Niedersachsen. Eigenverantwortlichkeit impliziert auch die Weiterentwicklung des Bildungsprofils einer BBS in Kooperation mit den Stakeholdern der beruflichen Bildung. So ist wün-schenswert, dass Fort- und Weiterbildungsangebote entwickelt und mit Ressourcen der Schule ausgestattet werden.
Entlastung der Lehrkräfte durch multiprofessionelle Teams
Die Aufgabendichte der Berufsbildner wächst zunehmend – nicht erst seit Corona. Technik, Verwaltung, Förderung, Soziale Unterstützung – das alles sind Dinge, die Lehrkräfte nebenbei erledigen. Um die Lehr-kräfte hier deutlich zu entlasten, braucht es multiprofessionelle Teams. Dazu liegt ein Konzept aus der AG BBS PerManent bereits vor: Schulassistent:innen, Mitarbeiter:innen für digitale Transformation, Mitarbei-ter:innen für Übungsfirmen, Verwaltungskräfte, die die Lehrkräfte bei den Verwaltungsaufgaben entlasten, wie auch Fachkräfte für Schulsozialarbeit und auch Mitarbeiter:innen für pädagogische Unterstützung zäh-len zu dem personellen Kanon multiprofessioneller Teams.
Lehrerqualifizierung und angemessene Unterrichtsversorgung sind wesentliche Bausteine zukunftsfähiger beruflicher Schulen
Den von der Kultusministerin Julia Willie Hamburg konstatierten 10-jährigen Stillstand bei der Verbesse-rung der Lehrkräfteversorgung gilt es zu durchbrechen. Die Ausbildung der Lehrkräfte für die berufsbilden-den Schulen muss schnell reformiert und ausgeweitet werden. Dabei ist der Focus auf eine hohe Qualität der fachlichen und pädagogischen Ausbildung zu legen. Zudem ist es notwendig, die Attraktivität des Lehr-amtsberufes zu steigern, eine alleinige Ausweitung der Studienkapazitäten ist nicht ausreichend.
Mit Überbrückungsmaßnahmen, wie dem erleichterten Zugang für Quer- und Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger, die entsprechend begleitet qualifiziert werden, sowie dem Einsatz von Lehramtsstudentinnen und Lehramtsstudenten oder von pensionierten Lehrerkräften können die aktuellen Engpässe nur kurzfris-tig abgemildert werden.
Das Land muss sich zudem intensiv für eine zukunftsorientierte Lehrerfort- und -weiterbildung, insbeson-dere im Bereich des Lehrens und Lernens, engagieren. IHKN und die vier Verbände der beruflichen Bil-dung sehen die Notwendigkeit einer Institution, die auf drei Säulen ruht: Technik, Pädagogik, Fortbildung. In dem Learning-Lab, das sowohl Bestandteil des NLQ, wie auch einer Universität sein kann, steht die technische Infrastruktur zur Verfügung, mit der zukunftsweisender Unterricht im Echtbetrieb erprobt und darauf aufbauende Lehr-/Lernkonzepte entwickelt werden können. Daraus ableitend sind Fortbildungen integrativer Bestandteil eines lokalen und institutionellen Bildungshubs, das aufgebaut werden muss. Gleichzeitig sollten die Lehrkräfte insofern entlastet werden, als dass sie zukünftig ausschließlich fachpä-dagogische Aufgaben übernehmen. Nur mit einem weiterentwickelten Bildungs-, Lehr- und Lernverständ-nis werden die berufsbildenden Schulen den Anforderungen der digitalen Transformation und einer sich stark wandelnden Berufs- und Arbeitswelt gerecht werden können.
Berufliche Orientierung ausweiten
Ein wesentlicher Baustein zur Stärkung der dualen Ausbildung insgesamt ist, dass der Ausbau der beruf-lichen Orientierung an allen allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufen I und II ausgebaut wird. Be-rufsbildende Schulen können aufgrund ihrer fachtheoretischen und fachpraktischen Kompetenz sowie de-ren Nähe zu den Ausbildungsbetrieben einen wesentlichen Beitrag dazu leisten. Wichtig ist, dass dies in enger Kooperation mit externen Partnern, sowie unter Einbindung der Eltern stattfindet. Dafür brauchen die beruflichen Schulen entsprechende personelle und finanzielle Ressourcen, damit diese Angebote dau-erhaft gewährleistet sind.