Bildung – wer soll das bezahlen?

VLWN vor Ort: Bildungspolitische Sprecher der Hamelner Kreistagsfraktionen stehen Rede und Antwort zur Zukunftssicherung der beruflichen Schulen

Politik im Fokus: Die Bezirksvorsitzende Niedersachsen-Mitte Ramona Kramer vom Verband der Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen in Niedersachsen (VLWN) hat die bildungspolitischen Sprecher der Fraktionen von SPD, CDU, Grünen und FDP im Hamelner Kreistag eingeladen, am letzten Donnerstag im Rahmen der Bezirksverbandssitzung Niedersachsen-Mitte in der Rattenfängerstadt, Antworten auf die relevanten bildungspolitischen Fragen zu geben. „Die Unterrichtsversorgung an den beruflichen Schulen liegt seit Jahrzehnten bei gerade einmal 90 Prozent. Die bürokratische Aufgabendichte, die nichts mit der eigentlichen Profession der Lehrkräfte zu tun hat und die den Berufsbildern zusätzlich aufgebürdet wurde, frisst immer mehr Zeit und belastet die Kolleginnen und Kollegen zunehmend. Bei der Digitalisierung hinken die beruflichen Schulen hinterher. Mit Blick auf den wachsenden Fachkräftemangel muss die berufliche Bildung endlich zukunftssicher aufgestellt werden, um nicht mehr das fünfte Rad am Wagen des Kultusministeriums zu sein “, sagte Joachim Maiß, VLWN-Landesvorsitzender, bei der Begrüßung der Politik.

Herbert Habenicht (FDP), Constantin Grosch (SPD) und Matthias Koch (CDU) waren der Einladung des VLWN ins Me Lounge gefolgt – der Vertreter der Grünen war gesundheitlich verhindert – um mit Blick auf die bevorstehende Landtagswahl Position zu beziehen und zu erläutern, was die jeweilige Fraktion unternehmen will, damit die berufliche Bildung nachhaltig gestärkt wird. Über alle Fraktionsgrenzen hinweg herrschte große Einigkeit bei den drängendsten Fragen.

Dacor waren die politischen Vertreter bei der besseren und einheitlichen Bezahlung der Lehrkräfte und committeten sich für A 13 für alle Lehrkräfte. Ein klares Bekenntnis gab es auch zu multiprofessionellen Teams aus Psychologen, Sozialarbeitern, Verwaltungskräften und IT-Spezialisten, die als nicht unterrichtendes Personal dringend zur Entlastung der Lehrkräfte an die Schulen müssen. „Unsere Forderung ist hier, fünf Stellen pro Schule für nicht lehrendes Personal freigeben, um die Lehrkräfte zu entlasten. Dafür müssen diese Stellen aber attraktiver gestaltet werden. Die Politik muss diese Stellen adäquat vergüten und unbefristet planen, damit sich gut qualifiziertes Personal dafür findet“, sagte Ramona Kramer.

„Alles gut, alles richtig. Ich kann alle Ihre Fragen an die Politik zu den zentralen bildungspolitischen Themen, die den Berufsbildnern unter den Nägeln brennen, nur mit: ‚ja, richtig‘ beantworten. Vor allem bei der Bezahlung müssen wir nachlegen, um auf das Niveau anderer Bundesländer zu kommen, damit Niedersachsen für Lehrkräfte attraktiv bleibt. Nur, wer soll das bezahlen?“, fragte Herbert Habenicht, bildungspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, der mit zwei Herzen in der Brust den Termin wahrnahm. Habenicht war bis zu seiner Pensionierung Schulleiter der BBS in Rinteln und ist somit bestens mit der dramatischen Unterversorgung an den beruflichen Schulen vertraut. Wer soll das bezahlen – eine zentrale Frage, die ebenfalls einstimmig und wieder und wieder von der Politik ins Feld geführt wurde.

Constantin Grosch (SPD) betonte: „A 13 für alle Lehrer – sowie höhere Gehälter für die Fachpraxislehrer, die bisher ja deutlich schlechter bezahlt sind, halte ich ebenso für zwingend notwendig wie die multiprofessionellen Teams. Aber angesichts der aktuellen Finanzlage des Landes und der sich abzeichnenden Verschärfung der allgemeinen Situation halte ich es für unwahrscheinlich, dass wir zusätzliche Mittel dafür loseisen können. Wir können dann mitunter froh sein, wenn wir die Bestandslehrer noch bezahlen können.“

Matthias Koch verwies darauf, dass die CDU in den nächsten fünf Jahren zusätzliche 5000 Lehrkräfte einstellen will und sprach sich dafür aus, Quereinsteigerprogramme zu forcieren, um dem Lehrermangel an den Schulen nachhaltig zu begegnen. „Wir brauchen hier keine kurzfristigen Entlastungen wie die von der Landesregierung ins Spiel gebrachten 400 Euro über zwei Jahre als Prämie, um Lehrkräfte für Niedersachsen zu gewinnen, sondern eine Kontinuität in der Bezahlung und Entlastung. Ohnehin halte ich nichts von Einmalzahlungen, die nur verpuffen. Nur auch hier stellt sich die Frage, wer soll das bezahlen?“ Habenicht knüpfte hier an und betonte, dass ein kleiner befristeter Bonus kein Anreizmodell darstelle, um neue Lehrkräfte zu gewinnen.

Was die Digitalisierung und die Ausstattung der Lehrkräfte mit adäquaten Endgeräten betrifft, richtete Habenicht den Fokus auf die sehr differenzierten Bedarfe der beruflichen Bildung. „Hier hilft kein Einheitsgerät mit Einheitssoftware. Vielmehr brauchen die Lehrkräfte Hard- und Software auf Industriestandard, der sich an den Vorgaben der Wirtschaft als duale Ausbildungspartner orientiert.“ Grosch ergänzte: „Die Beschaffung kann zwar zentral gesteuert werden. Die Lehrer müssen aber entscheiden können, was angeschafft wird, damit der Nutzwert auch da ist. Darüber hinaus braucht es passgenaue Fortbildungen für die Lehrkräfte, damit die digitalen Tools didaktisch zielführend genutzt werden können.“ Und Koch wies darauf hin, dass man beim geplanten zweiten Digitalpakt die Fehler des ersten ausmerzen muss. „Aktuell sind die Schulträger genötigt, Endgeräte zu kaufen. Viel klüger wäre es, diese zu leasen, um dann im Nachgang Folgegeräte zu haben und so dauerhaft auf dem technisch neuesten Stand zu bleiben.“

Das niedersächsische CARE-Konzept, durch das Lehrkräfte, die durch die starke Belastung in psychische Schwierigkeiten geraten, Hilfe finden sollen und das total überlastet ist, sollte nach Meinung von Grosch mit Krankenkassen und Sozialversicherungsträgern verzahnt werden, um es finanziell auf tragfähigere Säulen zu stellen und so die notwendigen personellen Kapazitäten aufzubauen. Dafür sprachen sich auch Habenicht und Koch aus. Insofern harmonische Einigkeit bei den Fraktionen wenn da nicht die Frage der Finanzierung wäre.

Joachim Maiß, VLWN-Vorsitzender, machte abschließend eine Rechnung auf, die die Frage nach dem Bezahlen beinhaltet: „Den beruflichen Schulen fehlen jährlich 1000 Lehrkräfte. Die daraus erwachsende Mehrarbeit schultern die Kolleginnen und Kollegen, ohne laut zu jammern, damit die Schülerinnen und Schüler die bestmögliche Ausbildung genießen können. Damit sparen die BBSen jährlich 65 Millionen Euro ein. Mit dem Geld könnte man leicht multiprofessionelle Teams aufbauen, die Digitalisierung vorantreiben, die Besoldung anpassen und die beruflichen Schulen zukunftsfähig aufstellen. Und: Geben Sie dieses Geld in die Eigenverantwortung der Schulen, dann sparen Sie bares Geld. Das hat das ProReKo-Projekt, bei dem 19 ausgewählte Berufsschulen über eine definierte Zeitachse betriebswirtschaftlich eigenverantwortlich agierten, eindrucksvoll bewiesen. Da müssen wir wieder hin“!

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