Ausbildungsmarkt / Ausbildungsverträge

Über 1.000 nicht geschlossene Ausbildungsverträge in kaufmännischen Berufen in Niedersachsen

Eine berufliche Ausbildung im dualen System kann ein sicherer Einstieg in ein Berufs-, Erwerbs- und Karriereleben sein, wenn es zum Abschluss eines Ausbildungsvertrages kommt. Doch in Niedersachsen befanden sich im Jahr 2021 über 40.000 Schülerinnen und Schüler im Übergangssektor an den berufsbildenden Schulen (in allen beruflichen Fachrichtungen), weil sie keinen Ausbildungsplatz oder keinen anderen beruflichen Einstieg erlangen konnten. Denn nicht immer treffen Berufswünsche auf das passende Berufsangebot, nicht immer passen die potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten zum Betrieb, nicht immer befindet sich der Ausbildungsplatz in regionaler Reichweite und nicht immer sind genügend Ausbildungsplätze vorhanden. Daher sind rückläufige Schülerzahlen im dualen System nicht einfach mit dem demographischen Wandel und der Akademisierung zu erklären. Ob es sich um fehlende Auszubildende, fehlende Ausbildungsplätze oder Störungen in der Allokation von Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt handelt, verraten ein Stück weit die Zahlen der Erhebungen des BIBB zum 30.09. nach Berufsgruppen und Regionen (BIBB, 2022). Der sich mittlerweile etablierte Indikator eANR (erweiterte Angebots-Nachfrage-Relation) stellt das Angebot an Ausbildungsplätzen und die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen gegenüber. Für die 15 Bezirke in Niedersachsen zeigt sich im Jahr 2021 ein sehr durchwachsenes Bild für die Berufsgruppe K1 (Berufe in den Bereichen Dienstleistung, Warenhandel, Vertrieb sowie Hotel und Tourismus; gebildet nach der KldB2010) und K2 (Berufe in der Unternehmensorganisation, Buchhaltung, Recht und Verwaltung). In den Bezirken Göttingen, Helmstedt, Osnabrück und Vechta (eANR>110) herrscht für Ausbildungsplatznachfragende nach Berufen der Gruppe K1 eine eher angenehme Situation ─ auf 100 Jugendliche kommen mehr als 110 Ausbildungsplätze, was als positiv ausgelegt werden kann, um den individuellen Wunschberuf zu erhalten. Allerdings deutet der Wert auch darauf hin, dass es für Unternehmen in diesen Bezirken schwieriger ist, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Ein anderes Bild zeigt sich in den Bezirken Hildesheim, Emden-Leer, Lüneburg-Uelzen und Hameln. In diesen ist die eANR deutlich unter 95 ─ es sind also nicht genug Ausbildungsplätze vorhanden. Anders sieht es in der Gruppe K2 aus. Lediglich in den Bezirken Hannover, Vechta, Nordhorn und Osnabrück liegt die eANR zwischen 95 und 100. In den übrigen Bezirken ist der Ausbildungsmarkt kaum in der Lage, alle Ausbildungsnachfrager befriedigen zu können.

Da die eANR nur einen sehr komprimierten Einblick in das Ausbildungsgeschehen zulässt, und wie bei jedem Quotientenwert ein hoher oder niedriger Betrag nicht direkt als positiv oder negativ interpretiert werden kann, schauen wir uns die Bestandteile der eANR etwas genauer an. So erhalten wir ein Gefühl dafür, welche Problematiken den Ausbildungsmarkt bestimmt. Es lässt sich differenzieren zwischen Besetzungsproblemen, die vorliegen, wenn Ausbildungsplätze aufgrund fehlender Nachfrager*innen nicht besetzt werden können, Versorgungsprobleme, wenn für die Nachfrager*innen nicht ausreichend Ausbildungsplätze vorhanden sind und Passungsprobleme, wenn noch unvermittelte Nachfrager*innen auf dem Markt sind und gleichzeitig auch noch Ausbildungsstellen offen sind. Letztere können durch fehlende Ausbildungsplätze in den Wunschberufen, geographische Entfernungen oder Diskrepanzen zwischen Qualifikation und Kompetenzen der Nachfrager*innen und den Anforderungen des Ausbildungsplatzes begründet sein (Ländermonitor, 2019, S. 77). Für die beiden betrachteten kaufmännischen Berufsbereichen zeigen sich zwei sehr unterschiedliche Situationen. Während in beinahe allen Bezirken in Niedersachsen der Ausbildungsmarkt der Gruppe K1 durch Besetzungsprobleme gekennzeichnet ist (siehe Abbildung 1), ist der Markt für K2 in ebenfalls fast allen Bezirken durch Versorgungsprobleme, also durch fehlende Ausbildungsplätze bestimmt (siehe Abbildung 2).

 

Ausbildungsmarkt / Ausbildungsverträge
Abbildung 1: Ausbildungsmarkt 2021 Niedersachsen, kaufmännische Berufe in den Bereichen Dienstleistungen, Warenhandel, Vertrieb, Hotel und Tourismus (K1) Quelle: BIBB Erhebung neu abgeschlossene Ausbildungsverträge zum 30.09.; eigene Berechnung in Anlehnung an den Ländermonitor berufliche Bildung 2019; eigene Darstellung

 

Ausbildungsmarkt / Ausbildungsverträge
Abbildung 2: Ausbildungsmarkt 2021 Niedersachsen, kaufmännische Berufe in den Bereichen Unternehmensorganisation, Buchhaltung, Recht und Verwaltung (K2)
Quelle: BIBB Erhebung neu abgeschlossene Ausbildungsverträge zum 30.09.; eigene Berechnung in Anlehnung an den Ländermonitor berufliche Bildung 2019; eigene Darstellung

Hinzukommt in der Gruppe K1 eine nicht unerhebliche Anzahl an Passungsproblemen. Sie ergeben sich immer dann, wenn noch offene Ausbildungsplätze und gleichzeitig unversorgte Jugendliche auf dem Markt sind. Es zeigt sich kein eindeutiges Bild, ob dies eher in ländlichen oder eher urbaneren Bezirken der Fall ist. Die Kombination von Passungs- und Besetzungsproblemen deutet vorsichtig auch darauf hin, dass die Einstiegsvoraussetzungen der potenziellen Auszubildenden nicht ausreichend sind, um einen Ausbildungsplatz aufzunehmen. Wie groß dieser Anteil unter den unversorgten Jugendlichen ist, kann aus den Zahlen nicht konkret gesagt werden.

Die Zahlen zeigen, dass der Ausbildungsmarkt im kaufmännischen Bereich noch deutliche Ausbaupotenziale hinsichtlich der Steuerung des Marktes sowie hinsichtlich Konzepten zum Zusammenführen von Angebot und Nachfragen und zum Fördern der beruflichen Reife von Jugendlichen am Übergang in Ausbildung, hat. Immerhin beträgt in beiden Berufsbereichen zusammen die Anzahl des nicht ausgeschöpften Vertragspotenzial 1.281 Ausbildungsplätze und Jugendliche, die nicht zusammenfinden konnten oder wollten. Und hierbei handelt es sich nur um die Stellen und Personen, die bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet sind, die tatsächlichen Werte werden also darüber liegen. An dieser Stelle sind alle Akteure der beruflichen Bildung gefragt, dass uns die Plätze und Betriebe sowie die potenziellen Auszubildenden nicht Jahr für Jahr verloren gehen.

Daher brauchen wir Strategien im Land, die das noch offene Potential zielführend aktivieren und mobilisieren. Dabei sind aus Sicht des VLWN folgende Aspekte zu berücksichtigen:

  • Da der Ausbildungsplatz nicht immer am Lebensort der Jugendlichen ist, ist eine Mobilitätsunterstützung unerlässlich. Dazu gehört die Bus- und Bahnnutzung für Auszubildende äquivalent zum Semesterticket für Studierende. Da aber nicht jeder Betrieb mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist, ist auch der Individualverkehr für den ländliche Raum zu unterstützen.
  • Es bedarf individueller Förderangebote unter Einbezug potenzieller Ausbildungsbetriebe, um die berufliche Reife und damit die Chance auf einen Ausbildungsplatz zu steigern.
  • Es sind flächendeckende und frühzeitige berufliche Orientierungsmöglichkeiten in der allgemeinbildenden Schule, die über einen Besuch im Berufsinformationszentrum hinaus in Kooperation mit berufsbildenden Schulen reichen, zu entwickeln.
  • Es sind weiterführende individuelle Angebote zur beruflichen Orientierung und Beratung im Übergangsbereich an den berufsbildenden Schulen zu entwickeln, um berufliche Perspektiven zu eröffnen.
  • Es bedarf einer durchgängigen Schülerstatistik, damit keiner verloren geht. Suchende Jugendliche müssen direkt erreichbar und ansprechbar sein, um ihnen Hilfsangebote zu unterbreiten und um die Problemlagen der Schülerinnen und Schüler frühzeitiger erkennen zu können.
  • Es bedarf Fortbildungskonzepte und -angebote für unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort, um Beratungs- und Orientierungsleistungen unterstützend zu den Angeboten der Bundesagentur für Arbeit leisten zu können. Ebenfalls ist der Ausbau regionaler Netzwerke zwischen Lehrkräften und Betrieben zur Unterstützung von Such- und Nachvermittlungsverfahren sowie zur Herstellung von Kontakten zwischen Schülerinnen und Schülern und Betrieben zu fördern.
  • Damit Orientierung- und Beratungsleistungen im angemessenen Umfang erfolgen können, sind personale Kapazitäten notwendig. Anrechnungsstunden können nicht als Lösung dienen, da der Arbeitsaufwand damit nur auf andere Kolleginnen und Kollegen verschoben wird oder nur zu Lasten der Unterrichtsversorgung erfolgen kann.

 

Autor: Patrick Geiser

 

Literatur

BIBB (2022). Neu abgeschlossene Ausbildungsverträge, unvermittelte Bewerber, unbesetzte Ausbildungsplätze, Angebot und Nachfrage mit Veränderungen zum Vorjahr in Prozent (VR) – KldB 2010: Berufsbereiche. Abgerufen am 10.10.2022 unter: https://www.bibb.de/de/141949.php

 

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