Wirtschaftliche Entwicklung mit Balken- und Liniendiagramm, Finanzdaten 2000-2020.

Weniger Schüler*innen, weniger Lehrkräfte, steigende Unterrichtsversorgung …

Die Prognosen der Modellrechnungen zum Lehrkräfteeinstellungsbedarf und Lehrkräfteneuangebot verdeutlichen für die berufsbildenden Schulen deutschlandweit eine massive Unterdeckung des Lehrkräftebedarfs (KMK, 2022, S. 6). Im gesamten Bundesgebiet liegt der erwartete Deckungsgrad für die berufliche Bildung im Durchschnitt bei 62,3 % ─ auf 100 benötigte Einstellungen kämen also der Berechnung zu folge durchschnittlich in den Jahren von 2021 bis 2035 lediglich 62 Absolvent*innen (ebd., S. 23). Niedersachsen weist für eben diesen Zeitraum jährliche Einstellungskapazitäten für den Vorbereitungsdienst von 420 Stellen aus. Der Lehrkräfteeinstellungsbedarf wird jährlich mit rund 390 Personen und das erwartete Angebot an Lehrkräften mit ebenfalls rund 390 Personen in der Prognose deklariert (ebd., Tabellenanhang). Rein rechnerisch eine ausgeglichene Situation.

Ein etwas anderes Bild zeigt sich bei der Betrachtung der Unterrichtsversorgungsquote an den berufsbildenden Schulen in Niedersachsen. Sie deutet auf einen wesentlich höheren Bedarf an Lehrkräften hin als tatsächlich verfügbar sind. Im Jahr 2010 betrug die Unterrichtsversorgung zum 15. November 93,8 % (91,6 % Theorie und 102,1 % Fachpraxis). In den folgenden Berichtsjahren ging der Wert leicht zurück und betrug 2021 zum gleichen Stichtag 92,8 % (93,1 % Theorie und 91,6 % Fachpraxis; mk.niedersachsen, 2022, S. 33). Wie diese Entwicklung zu interpretieren ist, zeigt ein genauerer Blick auf die Ist- und Soll-Stunden, deren Quotient den Versorgungswert darstellt. Die Ist-Stunden ergeben sich aus den Stundentafeln der jeweiligen Bildungsgänge (EB-BbS, Abs. 1) und geben an, in welchem Umfang die Unterrichtsstunden mit den zur Verfügung stehenden Lehrkräften abgedeckt werden können. Die Berechnung der Soll-Stunden ist ebenfalls in der EB-BbS in Abs. 3 Nr. 2 festgelegt. Sie werden den Schulen im Budgetierungsverfahren zugeteilt und ergeben sich je nach Schulform aus einem schülerbezogenen Sollstundenwert unter Berücksichtigung von Klassengrößen. Verkürzt kann gesagt werden ─ die Ist-Stunden sind von den zur Verfügung stehenden Lehrkräften und die Soll-Stunden von der Anzahl der zu unterrichtenden Schüler*innen sowie ihrer Gruppierung abhängig. Bei einer Quote von unter 100 reichen die verfügbaren Kapazitäten rechnerisch nicht aus, um das Unterrichtsangebot vollständig abzudecken.

Eine Veränderung der Unterrichtsversorgungsquote kann von sich verändernden Schüler*innenzahlen, Klassengrößen und den verfügbaren Lehrkräften abhängen. Die Anzahl der hauptamtlichen/hauptberuflichen Lehrkräfte an den öffentlichen berufsbildenden Schulen in Niedersachsen ist seit 2015 bis 2021 von 11.418 um 557 auf 10.861 zurückgegangen (-4,88 %; siehe Abbildung 1). Die Anzahl der Vollzeitlehrkräfte ist in diesem Zeitraum um 581 gesunken und die Anzahl der Teilzeitlehrkräfte ist um 24 gestiegen. Die stundenweise beschäftigten Lehrkräfte sind um 28 Personen auf 1.452 gestiegen (mk.niedersachsen, 2022, S. 25). Demgegenüber haben sich die Schülerzahlen in diesem Zeitraum von 250.820 um 22.527 auf 228.293 reduziert. Aus der öffentlichen Perspektive suggeriert der Blick auf die steigende Versorgungsquote zunächst einen Erfolg. Es ist jedoch naheliegend, dass die sich positiv entwickelnde Unterrichtsversorgungsquote mit dem sich verkleinernden berufsbildenden System in Verbindung steht. Aus dieser Entwicklung ist aber nicht der Schluss zu ziehen, dass künftig weniger Lehrkräfte eingestellt werden müssten. Denn trotz rückläufiger Schülerzahlen ist die Abdeckung des Unterrichts nur durch Mehrbelastungen der Kolleginnen und Kollegen möglich ─ also durch sich aufbauende Überstundenkonten. Dazu kommt in den nächsten Jahren eine erhebliche Pensionierungswelle auf das System zu (vgl. mk.niedersachsen, 2022, S. 31), der zum jetzigen Augenblick nicht durch ausreichend Absolvent*innen begegnet werden kann.

 

Fachkräftemangel
Abbildung 1: Unterrichtsversorgung und hauptamtliche Lehrkräfte 2010 bis 2021 / Quelle: mk.niedersachsen, 2022; eigene Darstellung

 

Die Ausführungen weisen auf unterschiedliche Problemlagen hin, die bisher gesteuert werden mussten und auch weiterhin für ein qualitativ hochwertiges berufliches Bildungssystem zu steuern sind. Bildungsnachfrager*innen ist nach wie vor die Attraktivität der beruflichen Bildung als Einstieg in ein sicheres und selbstbestimmtes Erwerbsleben sowie als solide Basis für weitere Bildungswege zu verdeutlichen. Sie ist nicht nur als eine Alternative zu akademischen Bildungswegen zu verstehen, sondern auch als Ausgangspunkt für eben diese.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, den Bekanntheitsgrad, das Ansehen und die Attraktivität des berufsbildenden Lehramtes zu steigern, um die Versorgung mit grundständig ausgebildeten Lehrkräften sicherzustellen. Insgesamt sind langfristige Strategien notwendig, die nicht nur Engpässe in den laufenden Schuljahren decken, sondern auf die zu erwartenden und bereits eingetretenen Mehrbelastungen der Kolleginnen und Kollegen abgestimmt sind. Der angestrebte Einsatz von Studierenden und das Angebot an Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst, bis zu 8 zusätzliche Unterrichtsstunden vergütet zu bekommen, kann nicht als langfristige Antwort auf die kommenden Problemlagen gelten. Für diese Personen sind das zwar attraktive Nebenverdienste. Doch es kann nicht erwartet werden, dass eine angehende Lehrkraft im Studium den Anforderungen an einen handlungsorientierten beruflichen Unterricht, der immerhin wenigstens 1,5 Jahre Vorbereitungsdienst nach einem abgeschlossenen universitären Studium bedarf, gerecht werden kann, ohne das Studium in den Hintergrund zu stellen. Anstatt die Qualität des Vorbereitungsdienstes durch Angebote zur Mehrarbeit und damit auch zu Mehrbelastungen außerhalb des Ausbildungsgeschehens zu gefährden, sollte eine marktgerechte und auf die Lebenssituation angehender Lehrkräfte angepasste Besoldung erarbeitet werden. Denn nach dem Studium sind i. d. R. keine großen finanziellen Spielräume mehr verfügbar und mit dem Eintritt in den Vorbereitungsdienst beginnt eine kostenintensivere Lebensphase, was bei der Frage, das Referendariat zu beginnen, durchaus eine Rolle spielt. Gleiches gilt für diejenigen, die verzögert in den Vorbereitungsdienst eintreten wollen. Sie müssen eine deutliche Gehaltseinbuße hinnehmen, da ihre bisherigen beruflichen Erfahrungen nicht angemessen honoriert werden.

Autor: Patrick Geiser

 

 

Literatur

KMK (2022). Lehrkräfteeinstellungsbedarf und -angebot in der Bunderepublik Deutschland 2021 – 2035 ─ Zusammengefasste Modellrechnungen der Länder. Statistische Veröffentlichungen der Kulturministerkonferenz. Dokumentation Nr. 233 ─ März 2022.

mk.niedersachsen (2022). Die niedersächsischen berufsbildenden Schulen in Zahlen ─ Stand: Schuljahr 2021/2022. Niedersächsisches Kultusministerium.

 

Rechtsquellen

(EB-BbS) Ergänzende Bestimmungen für das berufsbildende Schulwesen (EB-BbS)
RdErl. d. MK v. 1.8.2022 41-80006/5/1 (Nds. MBl. Nr. 32/2022 S. 1127) – VORIS 22410 –

Datum: 28. September 2022
Autor: @buero

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Datum: 28. September 2022
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